Reform tat not

Thomas von Kempen, die Nachfolge Christi,
Vorwort Seite 20 ff
Übersetzt und herausgegeben von Wendelin Meyer OFM,
neu durchgesehen von Lothar Hardick OFM,
Velag Butzon & Becker KevelarI,
SBM 3-7666-9531-2, 3. Auflage 1995


Unruhe, Unsicherheit im Inneren. Gefährlicher Druck von außen. Wo waren die Kräfte, die in gesunder Weise im Leben der Christen ansetzten?

Das 14. Jahrhundert war gekennzeichnet von einem weit verbreiteten Verfall des geistlichen Lebens. Schuld daran war nicht zuletzt der Klerus, der durchaus nicht immer beispielhaft den anderen in der Kirche voranging. Überall wurde das Drängen wach, das geistliche Leben wieder einfacher, unkomplizierter, ja echter zu gestalten. Hinzu kam, daß man den objektiven Bindungen und Forderungen im religiösen Leben des Mittelalters mit immer größerer Befremdung begegnete.

Wenn sich Christen der Notwendigkeit einer radikalen Lebensbesinnung stellen, dann ist die echt christliche Reaktion nicht zuerst lautstarker Protest mit aggressiven Tönen gegen die „Herrschenden", sondern die Konsequenz der Bekehrungsbereitschaft im eigenen Leben. So äußerte sich das Gespür für ein christliches Umdenken im 14./15. Jahrhundert nicht einzig in Programm-­Bekenntnissen zu einer Reform aller, sondern mit Intensität in der Bereitschaft, ganz persönlich auf das eigentlich Christliche einzuschwenken. Man setzte auch nicht so sehr bei der Forderung nach neuen Strukturen an, sondern versuchte, durch Umgestaltung des eigenen Inneren den einfachen Weg zu Gott zu finden. Nicht spitzfindige theologische Spekulationen, auch nicht in sich selbst versunkene Pflege mystischer Meditationen waren das Erstnotwendige, sondern einfach der Weg der Nachfolge Christi, der die Grundlage jeglicher christlicher Existenz ist. Sich selbst verleugnen, die Welt verachten, sein Kreuz auf sich nehmen, Christus nachfolgen, diese christlichen Urworte wurden wieder in die Christensprache hineingenommen und begannen, Leben zu gewinnen. Dies war der Weg, den Christus selbst den Seinen gewiesen hatte. Und einen anderen Weg gibt es nicht als IHN, der von sich gesagt hat: ,,Ich bin der Weg" (Joh 14, 6).

Diesen Weg suchte die Bewegung der „Devotio moderna" zu gehen. Die „Devotio moderna" geht auf Geert Groote zurück (1340-1384). Er sah sehr klar die Schwächen in Kirche und Gesellschaft . In Predigten und Schriften legte er den Finger auf die Wunden. Aber vor allem baute er lebendige Kreise auf, indem er sehr viele Geistliche und Laien um sich sammelte, die er mit seinem Geist formte. Es kam vor allem nach seinem Tod zur Gründung zahlreicher Gemeinschaften der „Brüder und Schwestern vom gemeinsamen Leben", die wir etwa mit heutigen Säkular-Instituten vergleichen können . Auch kam es im Rahmen der Augustiner -Chorherren zur Gründung der Windesheimer Kongregation, wozu auch das Kloster Agnetenberg bei Zwolle gehörte, in dem Thomas von Kempen gelebt hat.

Diese ordensmäßige Ausprägungen gehörten zur Bewegung der Devotio moderna, waren aber nicht die einzige Ausrichtung . Sie hatte erstaunlich breitgestreute Zielgruppen, wie schon aus der Devise deutlich wird: ,,Außerhalb der Orden wie ein Ordensmann leben."

Dies ist - in kurzen Hinweisen - das geistliche Feld, auf dem das Werk der Nachfolge Christi wuchs. Hier wird die „Devotio mo­ derna" nicht in systematischer Weise angeboten und dargelegt. Aber sie ist mit ihrem Geistesgut in reicher Fülle enthalten. Es ist eine geistliche Lebenseinstellung, die zwar den Blick nach oben richtet, die aber dennoch - oder gerade deswegen - mit beiden Füßen auf dem Boden der Realitäten steht. Hier geht der geistliche Mensch nicht irgendwelchen Träumereien mystischer oder gar pseudomystischer Art nach, wie das so manche Erweckungs-Bewegungen an sich haben. Ein solides innerliches Leben wird angestrebt, das nicht lediglich für exklusive Elitezirkel, sondern auch für breitere Kreise zugänglich und möglich ist. Es wird kein sogenannter „eigener", auch kein „neuer" Weg gesucht, sondern Christi Leben wird als der Weg des eigenen Lebens angenommen. Das von Christus so oft gesprochene „Folge mir nach" ist Ausgangspunkt und zugleich erfüllendes Ziel des gesamten Strebens.

Das Werk von der ,,der Nachfolge Christi" mag in seiner Art Begrenztheiten unterliegen, es mag nicht in allem die uns heute erkennbare Fülle des Glaubenswissens ausschöpfen: Wie sollte das auch sein bei einem Autor, der eben als Mensch in einer ganz bestimmten Zeit und Situation lebte? Eines ist sicher: Dieses Werk trifft die Mitte aller christlichen Anliegen in der unbedingten Ausrichtung auf Christus. Dieses Werk hätte nicht bis heute so viele, immer neue Ausgaben, Übersetzungen und Auflagen erlebt, wenn sich sein Kerngedanke nicht im Leben unzähliger Menschen bewährt hätte.

Der hier angebotene Text entspricht bis auf wenige unbedeutende Abweichungen der deutschen Ausgabe von P. Wende/in Meyer OFM, im Verlag Butzon & Bercker 1959 erschienen. Lediglich die Kapitelüberschriften wurden praktisch alle überarbeitet, um auch hier möglichst genau den Originaltext zu erreichen.

 

P. Lothar Hardick OFM




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