Weihnachtsgeschichten
Stefan Fleischer

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Die unvergessliche Nacht 

Weihnacht 2018
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Levi, der Oberhirte, hatte an diesem Abend selber die Nachtwache übernommen und sass in Gedanken versunken da, als die Hunde unruhig wurden. Als er aufblickte sah einen einsamen Wanderer näher kommen. Er stutze. War das nicht? "Hallo Simon, was machst Du denn hier?" "Du weisst, heute ist doch" antwortete der Ankömmling. "Ja, ich weiss. Seit ich die Herde übernommen habe richte ich es immer so ein, dass wir in diesen Tagen hier sind. Ich kann diese Nacht nicht vergessen."

Die beiden setzten sich ans Feuer. Es war eine recht kühle Nacht. Und Levi setzte Tee auf. Simon begann zu erzählen. "Ich meinerseits hatte diese Nacht eigentlich ziemlich schnell irgendwie vergessen. Am letzten Paschafest nun, als ich wieder einmal in Jerusalem war und vor der Abreise noch einmal zum Tempel hinauf ging, da sah ich die drei wieder, den Neugeborenen von damals, heute ein strammer Jüngling, und seine Eltern. Er sass bei den Schriftgelehrten und Pharisäern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Man merkte gut, dass die Gelehrten sehr erstaunt waren über seine Antworten. Ich hätte ihn natürlich nicht wiedererkannt, wenn nicht plötzlich die Eltern dazugekommen wären. "Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht." sagte die Mutter. Und der Sohn entgegnetet: "Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?" Dann stand er auf und die drei verliessen die Stadt. Wahrscheinlich wollten sie noch vor Einbruch der Nacht die nächste Herberge erreichen. Mein Weg ging in eine andere Richtung. So verlor ich sie aus den Augen." Eine Zeitlang herrschte Schweigen

"Und wie weisst Du, dass es nicht ein jüngerer Bruder war?" wollte Levi wissen? "Das war doch vor ziemlich genau zwölf Jahre. In diesem Alter wurde auch ich das erste Mal zum Fest mitgenommen." "Ich dachte nur, wegen des Kindermordes." "Man erzählte sich damals, dass diese Leute vermutlich irgendwie Wind bekommen hätten. Der Knabe war nicht unter den Leichen, die Familie vermutlich in der Nacht vorher verschwunden."

Wieder schwiegen sie lange. Dann frage Simon: "Was glaubst Du, ist er der kommende König Israels?" "Schwer zu sagen." meinte Levi: "Um die Macht an sich zu reissen ist er noch viel zu jung. Doch wenn, dann müsste er so langsam beginnen, sich eine Gefolgschaft aufzubauen. Es dürfte auch so sehr schwierig werden. Herodes hat genügend Anhänger und Macht, um ihn aus dem Weg zu räumen, sobald er sich zu erkennen gibt. Und die Römer können auch keinen König brauchen, der kein getreuer Vasall wäre. Einen solchen aber brauchen wir nicht." "Genau, aber wie soll er denn überhaupt der Retter werden, der Messias, der Herr?" Wieder sockte das Gespräch.

"Doch was wäre, wenn wir uns ein ganz falsches Bild von diesem Retter, dem Messias machen würden?" fragte dann plötzlich Levi, wohl mehr für sich als für Simon. "Wie kommst Du darauf?" wollte dieser wissen. "Erinnerst du dich noch an Thomas, den "Schriftgelehrten", wie wir ihn verspottet haben?" "Thomas, was macht er, was ihm geworden?" Simon war plötzlich ganz wach. "Er ist immer noch bei uns, aber nicht mehr lange. Sein Onkel wird ihm die Herde des alten Benjamin anvertrauen. Dieser hat gesundheitliche Probleme. Der Wechsel dürfte im Frühjahr sattfinden." "Ja, der gute Thomas. Er glaubte immer, dass wir mit unseren Vorstellungen falsch liegen würden. Hat er Dir auch einmal den Psalm 130 zitiert: „Ja, er wird Israel erlösen / von all seinen Sünden.“? "Ja, immer wieder," entgegnete Levi. "was wäre, wenn er Recht hätte?" "Dann? Ja dann wäre vielleicht doch der Tempel das Haus seines Vaters, und nicht der Königspalast, ganz so wie er es in seiner Antwort an die Eltern angetönt hat." antwortete Simon. Dann schwiegen beide.

Inzwischen war die Stunde der Erscheinung der Engel von damals längst vorbei. Über ihnen wölbte sich ein sternenbesäter Nachthimmel. Alles war still. Wortlos legten sie sich die beiden neben dem Feuer zum Schlafen nieder. Sie erwachten erst wieder, als ein Schaf in der Nähe blökte. Es hatte ein Lämmchen geworfen. Am Horizont begann der neue Morgen. "

Bis nächstes Jahr?" fragte Levi beim Abschied. "So Gott will." antwortete Simon.

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