Samichlausgeschichten
Stefan Fleischer

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Ein Samichlaus für Samichläuse

  2020
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 Für dieses Jahr war die Saison zu Ende. Wie immer trafen sich die Chläuse zu einem gemütlichen Abschlusshöck in der Waldhütte der Schuppiskorporation. Es ging hoch zu und her. Niemand hatte sich abgemeldet. Wegen Lärmbelastung waren keine Klagen zu erwarten. Dazu lag die Hütte viel zu abgelegen mitten im Wald. Und Chlaus Hans hatte dafür gesorgt, dass das Christkind sicher noch lange nicht für ein neues Weinwunder angefordert werden musste. So ging es denn auch ziemlich lange bis Chlaus Willy plötzliche schrie: „Hört ihr es auch? Da kommt doch jemand mit einer Glocke den Weg herauf.“

Es wurde still in der Hütte. Die Chläuse drängten sich zur Türe. Tatsächlich tönte es schon recht nahe, als käme da ein Samichlaus daher. Auch der Schein einer Laterne war immer besser zu erkennen. Schliesslich gab es keinen Zweifel mehr. Ein Samichlaus mit Schmutzli und Esel und einem prall gefüllten Sack kamen genau auf die Hütte zu. „Bin ich richtig hier bei den Chläusen von Emmishofen?“ fragte die Gestalt im roten Chlausenmantel, mit Mitra und Bischofsstab, mit einer tiefen, rollenden Bassstimme. Die Chläuse stiessen einer den anderen an: „Kennst Du den?“ fragten sie mit leiser Stimme. Endlich wagte es Chlaus Peter zu bestätigen: „Ja, das sind wir.“ Doch der Fremdling hatte gar nicht darauf gewartet und fuhr eine Stufe lauter fort: „Was, ihr kennt mich nicht, ihr billigen Imitationen? Ihr werdet mich noch kennen lernen. Und jetzt ab auf Eure Plätze. Schmutzli, Du stehst dort hinten. Und jeder, der sich nicht gebührend benimmt, bekommt eines mit der Rute. Alles klar?! Und Du Chlaus Hans bindest jetzt den Esel dort drüben an die Tanne. Oben in dem Sack ist Futter für ihn. Und vergiss nicht, ihm auch Wasser zu geben.

Die Chläuse wussten nicht, was sie davon halten sollten. Es fehlte doch keiner von ihnen, der sich einen solchen Scherz erlaubt haben könnte. Und an dem Fremden schien alles so echt, sogar der schneeweisse Bart war nicht aus Watte. Der Vollmond tauchte die Lichtung, in welche die Hütte stand, in ein beinahe übernatürliches Licht, sodass man fast meinen konnte, es käme aus der Gestalt selbst. Halb belustigt, halb ängstlich schlichen sie in die Hütte zurück und nahmen ihre Plätze wieder ein. „Dass jetzt keiner sein Glas anrührt!“ warnte der „echte“ Chlaus. Dann schlug er ein grosses, goldiges Buch auf. Und als auch Chlaus Hans herein gekommen war, überflog er zuerst einmal das Sündenregister.

„Das ist aber eine lange Litanei!» begann er. «Gut. Ich werde abkürzen. Namen werde ich auch keine nennen. Wer sich betroffen fühlt, soll sich bei der Nase nehmen. Einiges gilt ja auch für verschiedene unter Euch. Oder ist nicht mehreren von Euch der Abend hier wichtiger als die seriöse Erfüllung Eures Auftrages? Und wie passt das zu einen Heiligen Nikolaus, wenn er auf dem ganzen Weg flucht wie ein Rohrspatz? Um den Auftrag bei der hübschen, jungen Margrit mit ihren Buben gab es ein unrühmliches Gerangel, während sich alle um den schwierigen Fall unten in der alten Mühle drückten. Wie froh wart ihr, als der gutmütigen Chlaus Tim wieder einmal in den sauren Apfel gebissen hat. Und nachher habt ihr ihn noch ausgelacht.

Ja, ja, der Tim. Er hat zwar auch seine Fehler. Aber der Name passt auf ihn wie auf nicht viele unter Euch: „Timotheus, Fürchtegott“. Wie viele von Euch fürchten noch Gott? Wie viele glauben überhaupt noch an ihn? Wie vielen von Euch ist das Ganze nicht einfach ein lustiges Theater? Um wenn man dann noch das kleine, schüchterne Vreni, nur so zum Spass, zum Weinen bringt … Zum Glück steht so etwas nur einmal auf der Liste.“ Er schaute kurz auf seine Uhr. Dann fuhr er fort: „Ja, die Liste wäre noch lang. Aber ich muss weiter. Ich muss noch überall dorthin, wo ihr versagt habt, ihr so ganz und gar nicht heiligmässigen Chläuse. Ich sage nur noch eins: Wer heute Nacht wieder besoffen nach Hause fährt wie letztes Jahr, den steckt der Schmutzli das nächste Mal in den Sack. Komm Ruprecht.“ Dann schloss er das Buch, dreht sich um und die Tür fiel hinter den beiden ins Schloss.

Die Chläuse waren so verdutzt, dass es eine gute Weile dauerte, bis die ersten aufstanden und zur Tür drängten. Draussen war finstere Nacht. Eine Wolke hatte sich vor den Mond geschoben. Alles war still. Von den beiden und ihrem Esel hörte und sah man nichts mehr. Hätte nicht dort bei der Tanne noch ein Rest des Futters gelegen, man hätte glauben können, man hätte geträumt. Langsam kehrten sie in die Hütte zurück. Und langsam begannen die Spekulationen zu brodeln. Aber so wie es aussah, würden sie wohl niemals erfahren, ob es der Heilige Nikolaus persönlich gewesen war oder wer sonst. Auf alle Fälle blieb in dieser Nacht mehr als ein Auto auf dem Parkplatz beim Waldeingang stehen.


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