Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Ein Gott, der sich uns in die Hand gibt  

(Versuch einer Ehrenrettung der Handkommunion)
 

Datum unbekannt
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Als bei uns auf Handkommunion umgestellt wurde, da war das für mich eigentlich nichts Besonderes. Es war für mich eine Änderung der Form, nicht des Inhaltes. Dadurch ergab sich für mich zuerst auch keine Änderung in meiner persönlichen Einstellung zur heiligen Eucharistie. Eine solche erlebte ich erst einige Jahre später, und zwar in einem sehr positiven Sinn. Als ich mich - auf Grund ganz persönlicher Umstände - plötzlich gezwungen sah, mich wieder intensiver mit meinem Glauben und der Kirche auseinander zu setzen, da erlebte ich plötzlich eines Tages eine heilige Kommunion, in der mir ein wenig aufzuleuchten begann, was hier eigentlich geschieht. Es durchzuckte mich wie ein Blitz, war dann aber doch ein langer, auch heute noch nicht abgeschlossener Prozess, in dem mir immer deutlicher wird, dass unser Gott ein Gott ist, der sich uns, der sich mir in die Hand gibt.

Was heisst das konkret? Um diese Aussage einigermassen zu begreifen, müssen wir die Verbindung herstellen zu Kreuzestod unseres Herrn Jesus Christus. Wir glauben, Gott wurde Mensch. Wir glauben, die schöpferische Allmacht Gottes "hielt nicht daran fest, wie Gott zu sein", sondern gab sich als Mensch ganz in die Hand der Menschen, von denen er in seiner Allwissendheit doch wissen musste, dass sie nichts Gescheiteres mit ihm werden anzufangen wissen als: "Ans Kreuz mit ihm!" Und "in der Nacht, in der er verraten wurde" also genau in diesem Moment, gibt sich dieser Gott auch noch in einer ganz anderen Art in die Hand von uns Menschen. Er gibt sich als Speise in unsere Hand, wohl wissend, dass wir auch hier nie werden fähig sein, ihn seiner Liebe entsprechend zu empfangen und in uns aufzunehmen, wohl wissend, dass auch seine Gläubigen immer wieder versucht sein werden, ein Stücklein Brot aus ihm zu machen, Brot, das uns zu dienen hat.

So ist die Handkommunion für mich zum Ausgangspunkt eines ganz neuen, viel intensiveren Eucharistieverständnisses geworden. Sie zieht meinen Blick immer wieder auf die ganze Grösse Gottes, jene Grösse und Herrlichkeit, der selbst die Ohnmacht und Schmach des Kreuzes nichts anzuhaben vermag. Sie ist für mich zum Inbegriff der Gottesbeziehung geworden, einer Gottesbeziehung, in der sowohl die Grösse Gottes und die Nichtigkeit meiner Person, wie auch die erbarmende Nähe Gottes und meine Wichtigkeit für ihn, Platz haben, in der das eine das andere nicht ausschliesst. Vielmehr ergänzen sich nun diese beiden Aspekte zu einer Gesamtschau, die es mir erlaubt, immer tiefer in das Geheimnis Gottes einzudringen, immer mehr zu erkennen, wie unfassbar herrlich es ist, in Beziehung zu ihm treten zu dürfen.

Mag auch die Handkommunion eine Folge eines drastischen Schwundes des Glaubens und der Ehrfurcht sein. Mag sie diese auch weiter begünstigen. So leicht und so schnell, wie sich viele das wünschen, wird sie nicht wieder abgeschafft werden können. Dazu ist der Glaubensschwund bereits zu gross. Deshalb darf unsere Strategie nicht darin bestehen, die Fehler vergangener Jahre zu beklagen. Vielmehr gilt es die Chancen wahrzunehmen, dieser Handkommunion einen tiefen Sinn zu geben und dadurch der Gottesbeziehung unserer Mitmenschen neue Impulse zu verleihen. Nicht in einem Abwehrkampf gewinnen wir die Menschen für Gott, sondern in dem wir ihnen die Wahrheit verkünden, die ganze, volle, uneingeschränkte und umfassende Wahrheit, gerade auch die Wahrheit, dass Gott eben Gott ist, ein grosser und eifersüchtiger Gott, und doch gleichzeitig ein Gott, der sich uns, der sich mir in die Hand gibt.

 


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