Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer



Von Zeit zu Zeit nehme ich auch meine eigenen Büchlein zur Hand. Dabei stiess ich heute Morgen auf einen Abschnitt, der mir neu zu denken gab. Er ist zwar zeitlos, aber für mich selber ziemlich aktuell, vielleicht auch deshalb, weil ich in letzter Zeit immer mehr den Eindruck bekam, die Selbstsucht werde in der heutigen Verkündigung manchmal eher gefördert als bekämpft. Aus meiner Sicht ist auch dies eine Folge des modernen Paradigmenwechsel von gottzentriert zu menschzentriet.

Heiligkeit  für Anfänger

Heiligkeit für Anfänger

Ein Wegbegleiter


Leseprobe


Die Selbstsucht

      Der gefährlichste Stolperstein auf meinem Weg zur Heiligkeit, das bin ich mir immer selber oder, besser gesagt, ist immer wieder meine Selbstsucht. Wie wenig frage ich mich, was ich eigentlich genau auf meinem Weg zur Heiligkeit suche. Suche ich effektiv Gott, suche ich eine Beziehung zu ihm oder suche ich nicht doch meist nur mich selber? Als Anfänger auf dem Weg muss ich mich nicht wundem, wenn die Antwort ehrlicherweise lauten muss, ich suche doch meist zuerst einmal mich. Wenn ich bete, dann erwarte ich dabei doch sehr oft irgendetwas für mich, oder doch zumindest für meine Freunde. Wenn ich Gott suche, dann suche ich doch meist nur denjenigen, der mir hilft, der mir verzeiht, der mir schlussendlich das ewige Leben schenken wird. Wenn ich mich um ein Gott wohlgefälliges Leben bemühe, wenn ich faste oder Almosen spende, dann weiß ich doch meist sehr genau, was ich dafür erhalte. In meinem ganzen geistigen Leben achte ich meist sehr bewusst darauf, vor Gott und meinen Mitmenschen gut dazustehen. Ich selber stehe also im Zentrum meines Tuns und Lassens. Ich suche mich mehr als ich Gott suche. Ich gehöre meist zu jenen, denen Jesus sagen muss: "Sie haben Ihren Lohn bereits erhalten."

Es ist ganz klar: Wenn ich einmal so weit bin, dass ich tatsächlich nicht mehr an mich denke, wenn Gott effektiv das Zentrum meines Lebens ist, wenn selbst mein eigenes Heil nichts anderes mehr ist als eine Verherrlichung Gottes, dann bin ich am Ziel, dann ist meine Heiligkeit vollkommen. Als Anfänger auf diesem Weg darf ich mir nie einbilden, auch nur annähernd schon so weit zu sein. Das darf mich aber nicht entmutigen. Ich muss lernen, mit meiner Selbstsucht umzugehen, sie langsam aber sicher abzubauen oder besser gesagt zu wandeln in eine "Gottessucht", eine Sehnsucht nach Gott. "Er muss wachsen, ich aber abnehmen" hat der Völkerapostel dies formuliert. Immer mehr sollte ich versuchen dahin zu gelangen, wo "Ich lebe, aber nicht mehr ich, Christus lebt in mir". Dies ist ein langer Weg mit vielen Rückschlägen. Doch wenn ich ihn auf mich nehme, werde ich immer wieder spüren, dass ich doch ein klein wenig vorangekommen bin.

Mit meiner Selbstsucht umgehen zu lernen, dass heißt zuerst einmal, diese ganz bewusst wahrzunehmen, das bedeutet, den Umgang mit ihr zu üben, immer wieder zu merken, wo und wie ich wieder über diesen Stolperstein gefallen bin. Das ist nicht immer leicht. Allzu oft kleidet sich meine Selbstsucht in das Gewand der Nächstenliebe, ja manchmal sogar der Gottesliebe. Ich will nur das Beste für den anderen. Das Beste für ihn aber ist das, was mir selber auch nützt, was mich selber am wenigsten stört, was ich selber für richtig und gut halte. Ich will ja nur Gottes Willen erfüllen. Gottes Wille aber ist für mich oft nur das, was ich für mich als gut erachte, was ich glaube, nötig zu haben, wie nach meiner Ansicht die Welt aussehen müsste, wie er meiner Ansicht nach mit der "bösen" Welt umgehen müsste. Immer wieder muss ich mir die Frage stellen, was will ich und was will Gott? Was steht im Zentrum, ich selber oder er? Und dazu ist meist die Frage hilfreich, was wäre, wenn Gott etwas ganz anderes wünschen, mir meinen Wunsch abschlagen, dem anderen mehr Beachtung schenken würde als mir? Wäre ich bereit freudig "o.k., Herr" zu sagen, oder wäre ich dann enttäuscht?

Die Frage nach dem Zentrum meines Lebens ist und bleibt die entscheidende Frage auf meinem Weg zu Heiligkeit. Sie ist gleichzeitig auch die Frage nach dem Ziel meines Lebens. Dazu ist es notwendig, mich selber immer mehr aufmerksam zu beobachten. Je besser ich mich selber kenne, je aufmerksamer ich für meine eigenes Versagen, meine eigenen Fehler und Sünden werde, desto leichter fällt es mir, vom hohen Ross herab zu steigen, mein kleines Ich aus dem Zentrum heraus zu rücken und Platz zu machen für Gott. Je mehr Platz er aber in meinem Leben einnimmt, desto weiter bin ich auf meinem Weg zu ihm. Und nicht nur das. Dort wo er in mir lebt, da bin ich selber zufrieden. Dort wird mir ein Glück schon hier auf Erden geschenkt, das alles andere übersteigt. Auch wenn ich als Anfänger dies kaum ansatzweise erfahre, schon darum lohnt es sich, mich auf den Weg zu machen.
  
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