Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Wozu sind wir auf Erden?

  Mt 19,16-23
 
Die Gottesbeziehung

27. November 2020
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Es kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist «der Gute». Wenn du aber das Leben erlangen willst, halte die Gebote! Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir jetzt noch? Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach. Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.

«Wozu sind wir auf Erden?» Wann haben wir uns diese Frage das letzte Mal gestellt? Wann ist sie uns das letzte Mal gestellt worden? Haben wir diese Frage je einmal irgend jemandem gestellt, einem Geistlichen zum Beispiel, einem Freund oder einem Bekannten, oder gar einer wildfremden Person?

Als ich kürzlich wieder einmal mein Büchlein «Gottesbeziehung heute» zur Hand nahm, da fragte ich mich plötzlich, ob nicht die einfachste und doch die umfassendste Antwort wäre: «Wir sind auf Erden um in einer guten Beziehung zu Gott zu leben und so einst zur ewigen Beziehung zu ihm zu gelangen.» Die Theologen mögen den Kopf schütteln. Ich weiss, die offizielle Antwort lautet, zum Beispiel im YOUCAT: «Wir sind auf Erde, um Gott zu erkennen und zu lieben, nach seinem Willen das Gute zu tun und eines Tages in den Himmel zu kommen.» Aber was heisst das anderes als ein Leben in einer guten Beziehung zu Gott zu führen?

Ich habe bewusst die Definition des YOUCAT zitiert. Im KKK wird diese Frage nicht so direkt gestellt. Zum alten Katechismus liegt der Unterschied darin, dass es dort noch hiess «um Gott zu dienen». Damals war unsere Beziehung zu Gott noch stark jene des Dieners unseres «Vaters, des Allmächtigen, des Schöpfers Himmels und der Erde.» Damals sprach man noch oft von Gottes Vorsehung und von Gottes Segen. Heute stehen wir sehr oft in der Haltung des reichen Jünglings vor Gott: «Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?» (Mt 19,16-24)

Die Antwort des Herrn war aber nicht jene, welcher dieser erwartet hatte, sondern «Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist «der Gute». Wenn du aber das Leben erlangen willst, halte die Gebote!» Erst nachher, wenn die Frage nach den Geboten klar ist, folgt die zweite Stufe auf diesem Weg: «Wenn du vollkommen sein willst, …» Und dann: «Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn …» Wie viele Menschen wenden sich nicht heute ab von Gott und der Kirche, wenn sie merken, dass es nicht genügt, einfach «Gutes zu tun», oder besser gesagt, wenn sie merken, dass das eigentlich auch genügt um sich hier und jetzt wohl fühlen zu können?

Die Frage nach dem Guten an sich geht heute sehr oft in unserer Sorge um das, was wir Gutes tun könnten und sollten, unter. Insbesondere die Frage nach dem Guten an sich, nach Gott, verliert so oft jene Dringlichkeit, mit der sie sich uns stellen sollte. Unser Tun wird uns so oft viel wichtiger als unser Sein, unsere Leistung wichtiger als unser Bemühen. Damit wird die Frage nach der Gottesbeziehung zur Frage, was, beziehungsweise wer, die entscheidende Rolle in meinem Leben - aber auch in Kirche und Welt - spielt? Ist es Gott oder ist es mein liebes Ich? Ist es mein irdisches Leben oder mein ewiges? Dann heisst die Frage nicht mehr «Was muss ich tun?» sondern «Was kann ich tun um dein Angebot einer innigen, persönlichen Beziehung zu dir anzunehmen zu lernen? Was kann ich tun um aufmerksam zu werden auf deine Hilfen und Stärkungen auf diesem Weg?»

«Geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach.» Der Königsweg zum ewigen Leben ist also, sich immer mehr, immer besser von all den Sorgen um das irdische Heil zu lösen und jenes Reich Gottes zu suchen, zu welchem uns alles andere hinzugeben werden wird. (Mt 6,33) Oder wie es der Herr an anderer Stelle formuliert: «Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.» (Mt 16,24)

Um diesen Weg zuerst einmal einzuschlagen und dann immer wieder einen neuen ersten Schritt zu tun half und hilft mir immer wieder ein kleines Gebet:

Mein Herr und mein Gott
lehre mich, Deinen Willen zu tun,
denn Du bist unser Gott.
Lehre mich, Deinen Willen zu akzeptieren,
denn Du bist unser Herr.
Lehre mich, Dir für all Deinen Gaben zu danken,
denn Du bist unser Vater.
Lehre mich, Dich allezeit zu loben,
damit ich würdig und fähig werde,
Dich einst in alle Ewigkeit zu loben.
Amen
 
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