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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Gott sei Dank

Dank sei Gott
 

13. September 2020

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«Gott sei Dank». Wie schnell kommen uns doch diese Worte über die Lippen, wenn irgendetwas nicht so schlimm war, wie man hätte befürchten können. Wie wenig ist uns oft bewusst, was wir da genau sagen. Ja, ich habe letzthin dieses Wort sogar aus dem Mund eines erklärten Atheisten gehört.

Ich habe einen Kollegen, nur wenig jünger als ich, einen sehr netten, freundlichen und hilfsbereiten Mann, welcher, soweit ich das feststellen kann, von jedermann geschätzt wird. Aber eines fällt mir bei ihm immer wieder auf. Er scheint echt Mühe zu haben mit dem Wörtchen Danke. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass er als Verdingkind aufgewachsen ist. Danken musste er damals allen und jedem. Aber ein Wort des Dankes erhielt er selbst nie. Doch er ist nicht der Einzige. Immer wieder begegnen mir Leute, welchen - sagen wir es einmal so – nicht gerade dankesfreudig sind. Ob das damit zusammenhängt, dass mir das irgendeinmal vor einige Jahren bei mir selber aufgefallen ist? Die Fehler der anderen bemerkt man erfahrungsgemäss am besten, wenn man selber die gleichen Probleme hat. Seither bemühe ich mich, immer bewusst zu danken, mit manchmal mehr, manchmal weniger Erfolg, wie ich ehrlicherweise zugeben muss.

In unserer Welt der CAEA (Computer Assistierten Ereignis Abwicklung) wird uns oft für alles und jedes gedankt, manchmal sogar dort, wo unsererseits überhaupt kein Grund dafür vorliegt. Das ist dann nicht gedankenlos, sondern bewusst Teil der Ablauforganisation. Manchmal ist es auch eine reine PR-Massnahme. Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber im persönlichen, zwischenmenschlichen Verkehr scheint mir die Bereitschaft zu Dankbarkeit eher rückläufig zu sein. Dabei wäre diese Tugend eines der besten Hilfsmittel für ein möglichst reibungsloses Zusammenleben und um als netter Mensch zu gelten.

Nun geht es in unserem Leben nicht einfach nur um unser mitmenschliches Zusammenleben. Als Christen geht es nicht zuletzt um unser «Zusammenleben» mit Gott, um unsere Gottesbeziehung. Auch hier gehört die Dankbarkeit zu jenen Tugenden, welche uns vieles erleichtern. In meiner Jugendzeit riet uns einmal ein Religionslehrer nicht die «abgenützte» Redewendung «Gott sei Dank» zu benutzen, sondern uns anzugewöhnen «Dank sei Gott» zu sagen. Das würde uns daran erinnern, dass alle guten Gaben nicht einfach irgendwo her, aus ein einem Zufall oder was auch immer, kommen, sondern von Gott, unserem Vater.

Eucharistie heisst Danksagung. Ist es nicht so, dass uns dies oft erst ganz am Schluss der Feier in den Sinn kommt, wenn der Priester des Langen und Breiten allen Beteiligten und Anwesenden dankt. Einer jedoch, der dabei allermeist vergessen geht, ist Gott. Dabei wäre es doch nichts als Anstand, auch ihm zu danken für das so wertvolle und gnadenreiche Geschenk dieses Heiligen Sakraments. Ich selber habe es nicht mehr, zumindest nicht bewusst, erlebt, dass in der alten Liturgie der Priester nach der Zelebration sich nicht gleich unter die Leute mischte, sondern zuerst nochmals im Chorgestühl niederkniete und von einer Gebetstafel, ähnlich jenen, welche auf dem Altar standen, die vorgeschriebenen Dankesgebete sprach.

Die Krise heute, wo uns das Heilige Messopfer weggenommen ist, sollte uns eigentlich daran erinnern, wie wenig wir alle in letzter Zeit Gott für dieses wunderbare Geschenk gedankt haben. Dann werden wir merken, dass es auch beim Dank für all seine anderen Gaben oft sehr mangelte, wie sehr wir zum Beispiel seine Liebe und Barmherzigkeit als selbstverständlich hinnahmen. Und wenn wir dann noch erkennen, dass Gott immer nur das Beste für uns will, auch wenn wir dies nicht immer, vielleicht sogar öfters nicht, erkennen, dann sind wir einen grossen Schritt weiter gekommen sind auf unserem Weg zur Heiligkeit. Denn Dankbarkeit ist, gerade Gott gegenüber, ein anderes Wort für Liebe.



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