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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Demokratie

(Gedanken zum Christkönigssonntag im Jahreskreis A)
 

20. November 2020

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 Im Blog eines Ordensmannes fand ich die folgenden Gedanken.

Es gibt die Kritik, Schafe seien «lauter dumme Viecher» und daher sei eine Schafherde wie in Ez 34 kein geeignetes Bild für ein autarkes Volk, und schon gar nicht für eine Demokratie.

Doch abgesehen davon, dass wie bei allen Tieren - und auch bei Herdentieren - manche Schafe störrisch und andere responsiv sind, nimmt gerade das in Ez 34 betonte Versagen der Hirten dieser Kritik jeden Wind aus den Segeln:

Zum Erfolg auf der Weide gehört nämlich die gute Führung, und die ist aber nur dann gut, wenn der Hirte auf die Bedürfnisse der Schafe eingeht. Wohl gemerkt: auf deren Bedürfnisse, nicht auf deren Intelligenzquotienten.

Nun nimmt aber Gott in Ez 34 genau diese Bedürfnisse wahr, nämlich die verloren gegangenen Tiere zu suchen, die vertriebenen zurückzubringen, die verletzten zu verbinden, die schwachen zu kräftigen und die fetten und starken zu behüten.

Jetzt fehlt für eine Demokratie nur noch, dass sich die Herde so einen Hirten selber aussuchen darf. Und genau dazu will diese Schriftstelle ermutigen (Bingo!).

Somit ist die "biblische Herde" beinahe die schon im 6. Jh. v. Chr. grundgelegte Vorgabe für die Demokratie, an der es nur noch fehlt, die Kandidaten zu Verantwortlichen zu wählen, die gewillt und fähig sind, sich in gerechter Weise um die Starken und um die Schwachen zu kümmern.


Nach meinem Empfinden haben wir es hier mit einem typischen Beispiel der modernen «Verkündigung» zu tun. Man muss immer etwas Neues aus den Texten der Schrift herauslesen. Man muss den überlieferten Sinn der Texte uminterpretieren, damit sie in die moderne Theologie hinein passen. Christus, der König, passt da eben nicht hinein, also bringt man die Demokratie ins Spiel. Der geneigte Zuhörer wird dann schon merken, dass man damit die Forderung nach einer demokratischen Kirche unterstützt. Man kann dann immer noch erklären, das sei nicht so gemeint, das beziehe sich nur auf die weltlichen Demokratien. Die Liste liesse sich verlängern.

So aber geht Neuevangelisation ganz sicher nicht. Das schafft nur Verwirrung unter den Gläubigen. Das relativiert alles, was bisher als Glaubenswahrheit verkündet wurde und zerstört so die Glaubwürdigkeit der Kirche. Das verleitet zu einem «Leben aus dem Glauben» in welchem es nur darum geht, «dass sich jeder glücklich fühlt.» (Vgl. Glaubenssatz 3 des moralistisch-therapeutischen Deismus).

«Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?» (Lk 18,8) Die Frage ist dringlicher denn je.
 

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