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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Ein erfülltes Leben

Antwort an eine fragende, junge Frau

14. Juni 2017
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Zuerst eine Warnung: Ich bin schon 79 Jahre alt und erst noch ein Mann. So ist es für mich nicht einfach, Dich zu verstehen und für Dich wird es wohl noch viel weniger einfach sein, meinen Gedanken zu folgen. Ich schreibe Dir trotzdem. Ich möchte Dich mitnehmen in die Zeit meiner Kindheit und Jugend, in jene Zeit, in welcher – wie man heute sagt – die Frau unterjocht und ausgebeutet war, sich nicht selbst verwirklichen konnte, keine Karrierechance hatte etc. Damals gab es zwar bereits erste Aufbrüche. Heute ist vieles anders. Und vieles wird sich noch weiter entwickeln, ob zum Guten oder nicht wird die Geschichte weisen.

Im Rückblick ist es eine Beobachtung, die mir Angst macht. Zwei Dinge haben sich in ihrer Bedeutung massiv verändert; das Ich und Gott. Gott hat im Leben vieler Menschen eindeutig an Bedeutung verloren und das Ich hat vielerorts eine Bedeutung erlangt, bei welcher sich seine zerstörerischen Kräfte offen zu zeigen beginnen. Nicht dass das ein neues Phänomen wäre. Seit der Erbsünde steht der Mensch in diesem Zweispalt, ist er immer wieder versucht sein zu wollen wie Gott, selber wissen zu können, was richtig und was falsch, was gut und was böse ist. Diese Neigung aber steht im Widerspruch zu jenem Vertrauen und jener Dankbarkeit, welche Gott von uns, im Gegenzug zu seiner Liebe, erwartet. „An Gottes Segen ist alles gelegen.“ Wie oft habe ich diesen Satz von meinen Eltern gehört. Das bezog sich nicht nur auf unsere vielfältigen materiellen Sorgen jener Zeit. Das bezog sich nicht zuletzt auch auf ihre Beziehung zu einander und ihre Beziehung zu uns Kinder. Auch uns versuchten sie, zu einer solchen Lebenseinstellung zu erziehen. Auch uns wollten sie in eine alles umfassende Vertrauensbeziehung zu Gott hinein führen.

Wir Kinder von damals aber waren bereits diesem neuen Denken ausgesetzt. Der Klassenkampf war längst ausgebrochen. Der Gedanke, dass der Mensch sich selbst erlösen kann, dass er sich selbst genügt, dass er von allen menschlichen Zwängen befreit werden muss, machte sich schon damals breit. Dass dabei Gott ins Abseits gedrängt wurde, bis er schlussendlich die eigene Selbstverwirklichung dermassen störte, dass er geleugnet wurde, war nur die logische Folge. Und dass dann diese Unabhängigkeit von Gott und von den Anderen zum Ideal empor stilisiert wurde liess nicht lange auf sich warten. Auch ich war nie ganz vor diesem Irrtum gefeit. Gott sei Dank hatte sich aber auch die Erziehung und nicht zuletzt das Vorbild meiner Eltern tief in mir eingeprägt. So wurde der Glaube, die Beziehung zu Gott, nie ganz verschüttet. Begegnungen, Erlebnisse und Ereignisse, auch solche, welche unter Umständen auch das Gegenteil hätten bewirken können, liessen ihn immer wieder neu und gestärkt spriessen.

Heute weiss ich, dass meine wahre Selbstverwirklichung in der Verwirklichung des Willens Gottes mit mir besteht. Dies ist ein wunderbares und unergründliches Zusammenspiel von Gott und Mensch, von Gnade und Bemühen. Das schenkt eine Befriedigung in jeder Situation des Lebens. Das lässt mich mein irdisches Glück geniessen, mich an meinen Erfolgen freuen etc., aber auch das unausweichliche Leid in meinem Leben vertrauensvoll, und je länger je mehr sogar dankbar, annehmen. Das stellt irgendwie die ursprüngliche Ordnung zwischen Gott und mir wieder her, zwischen ihm, den liebenden, allmächtigen und gerechten Gott, und mir seinem Geschöpf, dem er als zentrales Gebot gegeben hat: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.“ (Lk 10,27) Wenn ich so an meinen Alltag herangehe, dann lerne ich immer mehr mit Papst Johannes XXIII zu sagen: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig.“


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