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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Werde es ganz

Wenn du willst
7. März 2019
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Als in einer Diskussion wieder einmal vom Zölibat die Rede war, da kam mir unwillkürlich der Spruch unseres alten Spirituals im Internat in den Sinn:

Willst du ein Leben, so schwer wie ein Alb,
werde Priester und werde es halb.
Willst du ein Leben voll Sonnenglanz,
werde Priester und werde des ganz.

Ich habe in all den Jahren meines Lebens viele zufriedene, ja glückliche Priester getroffen, für welche der Zölibat absolut kein Problem war, bzw. ist. Solche vermissen sexuelle Kontakte überhaupt nicht. Und doch sind sie zu echten zwischenmenschlichen Beziehungen fähig, und zwar zu (fast) allen Menschen, welche ihnen begegnen. Sie waren und sind mir auch heute noch starke Stützen für mein persönliches Leben und meine Gottesbeziehung. Und wenn ich mich frage, woran das liegen mag, dann kommt mir die Antwort des Herrn an den Jüngling in den Sinn: "Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach." (Mt 19,21)

Nicht dass diese Priester erkennbar grosse Asketen sind oder waren. Sie sind Menschen wie du und ich, fähig, auch die schönen Seiten des Lebens zu geniessen und lustig zu sein. Sie haben alle auch ihre schwachen Seiten. Aber sie bemühen sich ehrlich, Christus nachzufolgen, auch und gerade dort, wo es gilt alles loszulassen, sich nicht an diese Welt zu binden, sondern dem Ruf des Herrn, ihrer Berufung, zu folgen, in guten wie in bösen Tagen. Selbstverwirklichung besteht für sie in der Erfüllung des Willens Gottes mit ihnen, so gut das mit Gottes Hilfe möglich ist. Dass sie dabei auch an den bleibenden Schatz im Himmel denken, das ist klar.

Das gilt natürlich auch für Ordensleute. All jene, welche sich in den Gelübden zu Gehorsam, Armut und Keuschheit verpflichtet haben (ich verwende hier bewusst die alte Formel), haben genauso das "Ja, Herr, ich will!" gesprochen, zu welchem der erwähnte Jüngling in jenem Zeitpunkt noch nicht fähig war. Ob er es später geworden ist, das sagt die Schrift nicht. Das geht uns auch nichts an. Aber wer einmal dieses "Ich will" gesprochen hat im Bewusstsein, dass dies der Ruf des Herrn, seine Berufung, ist, und sich bemüht alles über Bord zu werfen, was ihn hindert ganz Ordensmann oder Ordensfrau zu sein, finden trotz aller schweren Stunden und Anfechtungen - pro Saldo, wenn ich das einmal so sagen darf – , ein Leben voll Sonnenglanz schon hier und jetzt und dann einst in der ewigen Heimat. Darin beseht jene Ausstrahlung, welche ich schon bei sehr vielen von ihnen erlebt habe.

Warum sollte dies dann nicht auch für uns normale Christen gelten, warum sollten wir Menschen von heute uns nicht auch immer wieder bewusst machen:

Willst du ein Leben, so schwer wie ein Alb,
werde Christ und werde es halb.
Willst du ein Leben voll Sonnenglanz,
werde Christ und werde des ganz.

Warum habe ich eigentlich so oft und so sehr Mühe zu sagen: "Ja, Herr, ich will! Hilf meinem Willen."?

 

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