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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Geschwisterlichkeit

Der grosse Traum der Menschheit
 
21. Januar 2021

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Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung Jesu, des Herrn, und reiche Gnade ruhte auf ihnen allen. Es gab auch keinen unter ihnen, der Not litt. Denn alle, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften ihren Besitz, brachten den Erlös und legten ihn den Aposteln zu Füßen. Jedem wurde davon so viel zugeteilt, wie er nötig hatte. (Apg 4,32-37)

Die erste Geschichte der Menschen nach dem Sündenfall, welche die Schrift uns erzählt, ist jene von Kain und Abel. (Gen 4,1-16) Das ganze Alte Testament ist voll von solchen Erzählungen der «Brüderlichkeit» unter den Menschen. Und doch kann der Mensch diesen Traum nicht lassen, rennt er immer wieder der Illusion nach, der paradiesische Zustand einer echten Geschwisterlichkeit unter uns sei hier und jetzt möglich.

Nach der Zeit des Königs Davids wuchs immer mehr der Wunsch, der Wunschtraum eines neuen, grossen und gerechten Königs, welcher Israel aus aller Not und Unterdrückung befreien und ihm ein Leben in Friede und Geschwisterlichkeit ermöglichen würde. Dem hat der Herr eine klare Absage erteilt. «Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.» (Joh 18,36) Doch auch zur Zeit der Apostel geisterte diese Illusion in den Köpfen der der Gläubigen weiter, sei es in der Hoffnung auf das baldige, wenn nicht sofortige Kommen des neuen Reich Gottes in dieser Welt, sei es im Versuch, eine Welt der Liebe und Gerechtigkeit wenigstens unter sich aufzubauen. «Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam.» (vgl. Apg 2,43-47)

Die Ernüchterung liess nicht lange auf sich warten. Der Betrug des Hananias und der Saphira (vgl. Apg 5,1-11) folgte sofort. «Ein Mann namens Hananias aber und seine Frau Saphira verkauften zusammen ein Grundstück, und mit Einverständnis seiner Frau behielt er etwas von dem Erlös für sich. Er brachte nur einen Teil und legte ihn den Aposteln zu Füßen. Da sagte Petrus: Hananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belügst und von dem Erlös des Grundstücks etwas für dich behältst?» Und wieder nennt die Schrift den Urheber solchen Unheils, Satan.

Weiter geht es in der Apostelgeschichte mit der Wahl der Sieben (vgl Apg 6,1-7) «In diesen Tagen, als die Zahl der Jünger zunahm, begehrten die Hellenisten gegen die Hebräer auf, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden. Da riefen die Zwölf die ganze Schar der Jünger zusammen und erklärten: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und uns dem Dienst an den Tischen widmen. Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit; ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben.» (Apg 6,1-4)

«Das heilige Experiment» hiess ein Theaterstück meiner Jugendzeit. Es erzählt vom Ende des Versuchs, eine heile Welt im Kleinen unter Ureinwohnern Lateinamerikas aufzubauen. Auch dieser scheiterte an der «Lebenswirklichkeit» der damaligen Welt und Zeit.

«Liberté, Egalité, Fraternité», «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» hatte sich die Französische Revolution auf die Fahne geschrieben. Sie endete in einer Schreckensherrschaft. Einen ähnlichen Versuch starteten die Kommunisten in ihrem Machtbereich. «Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein.» wurde auch dort bald einmal Maxime.

In der Kirche von heute gibt es Kreise, welche diesen Traum wieder aufleben lassen möchten. Die «Lebenswirklichkeit» aber ist eine ganz andere. Noch nie in der Weltgeschichte (soweit ich sie kenne) herrschte ein solcher Egozentrismus wenn nicht gar Egoismus wie heute. In einem solchen Klima eine bessere Welt aufbauen zu wollen ist mehr als nur blauäugig. Egoismus steht für Streit und Krieg, für Betrug, Unterdrückung und Ausgrenzung. Oder kurz gesagt, Egoismus steht für Sünde.

Sünde ist es, sein zu wollen wie Gott. Sünde ist es, sich dem Herrschaftsanspruch Gottes zu widersetzen, obwohl wir genau wissen, dass seine Herrschaft Liebe ist und Barmherzigkeit. Sonst hätte er dieses widerspenstige Geschlecht schon längst ausgerottet. Die Sünde muss also zuerst bekämpft werden, wenn wir eine bessere Welt wollen. Doch wiederum zeigt uns die Lebenswirklichkeit, dass wir allein dazu nicht fähig sind. Deshalb mahnt schon der Völkerapostel: «Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!» (2.Kor 5,20) Nur in der Versöhnung mit Gott werden wir auch zur Versöhnung untereinander fähig. Nur auf der Versöhnung lässt sich wahre Geschwisterlichkeit aufbauen.

Versöhnung, Erlösung ist es, was Christus uns zu schenken in die Welt gekommen und am Kreuz für uns gestorben ist. Deshalb: «Kehrt um zu ihm, Israels Söhne, / zu ihm, von dem ihr euch so weit entfernt habt.» (Jes 31,6) «dann wird euch alles andere dazugegeben.» (Mt 6,33)


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