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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Nicht glauben können

Warum können Menschen nicht glauben?
 
13. September 2019
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Gleich zweimal kurz hintereinander sind mir in letzter Zeit Menschen begegnet, welche sagten, sie könnten nicht mehr glauben, weil sie schwer enttäuscht wurden, enttäuscht von Gott und/oder von der Kirche.

Wenn wir von einem Mitmenschen enttäuscht werden, so ist es sehr menschlich, dass wir uns von ihm zurückziehen. Hätten wir diese Schutzreaktion nicht, wir würden immer wieder mit offenen Augen ins Verderben rennen. Wenn wir dann aber sachlich überlegen merken wir oft, dass wir überreagiert haben. Manchmal sehen wir dann, dass die Situation gar nicht so schlimm ist, dass das Ganze gar nicht so böse gemeint war, wie es auf den ersten Blick erschien. Und wenn wir dann noch an Mt 18,22 denken: „Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal (sollst du verzeihen)“, dann haben wir einen triftigen Grund, die Sache nochmals gründlich zu überdenken.

Das Gleiche gilt wohl auch für unsere Frage. Wenn wir den Eindruck erhalten, wir seien von Gott oder der Kirche enttäuscht worden, so ist es durchaus menschlich, zuerst einmal Distanz zu gehen. Dann aber sollen auch wir uns überlegen, ob das nicht ebenfalls eine Überreaktion ist. Wurden wir wirklich so schlimm enttäuscht, dass diese Haltung gerechtfertigt ist? Hat es Gott, hat es die Kirche nicht vielleicht sogar gut mit uns gemeint, auch wenn wir das im Augenblick nicht begreifen? Müssten wir nicht auch hier bereit sein, zu verzeihen? Ich weiss, Gott zu verzeihen, das tönt schon fast blasphemisch. Aber wenn wir dieses „Gott verzeihen“ verstehen als „Ich verstehe Dich nicht, mein Herr und mein Gott. Aber vertraue auf Dich. Herr Du weisst alles, Du weisst auch, dass ich Dich liebe.“ (vgl Joh 21,15), dann kann unsere Beziehung zu ihm dadurch sogar wachsen, tiefer, persönlicher werde.

Ähnliches gilt auch gegenüber der Kirche. Dort kommt dazu, dass wir es nicht direkt mit Gott, sondern mit seinem „Bodenpersonal“ zu tun haben, mit Menschen wie du und ich. Auch hier sollen wir zuerst einmal davon ausgehen, dass die Kirche es gut mit uns meint einerseits, und andererseits, dass wir oftmals einfach nicht oder nicht richtig verstehen, was genau gemeint und gefordert ist. Und, machen wir alle nicht oft die gleichen Fehler, nicht ganz so schlimm, sicher, oder auch mit umgekehrten Vorzeichen? Dann kann auch eine solche Situation uns zu tieferen Einsichten und damit zu einer besseren Beziehung zu ihr verhelfen.

„Übung macht den Meister!“ Das gilt auch beim Überwinden von Zweifeln und Enttäuschungen, im rein zwischenmenschlichen Bereich wie in unserer Beziehung zu Gott und der Kirche. Eines aber müssen wir unter allen Umständen vermeiden. Niemals dürfen wir solche Enttäuschungen und Zweifel zur Rechtfertigung heranziehen um nicht glauben zu müssen, um nicht glauben zu wollen. In mindestens einem der beiden Fälle wurde ich den Verdacht nicht ganz los, es fehle eigentlich nur (noch) daran, dass diese Person den Versuch wage, damit eine Rückkehr zum Glauben, eine Umkehr zu Gott möglich würden.


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