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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Wenn Laien keine Laien mehr sein wollen

oder die Frage nach der Gleichwertigkeit

01. August 2019
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In unserem Bistum gibt es keine Laientheologen/Laientheologinnen mehr. Der Begriff wurde abgeschafft mit der Begründung der Gleichwertigkeit der Ausbildung. Man fragt sich schon, was in unserer Kirche los ist, wenn nicht einmal mehr die Verantwortlichen im Bistum zu wissen scheinen, dass der Wortteil Laie hier nicht einen Unterschied in der Ausbildung bezeichnet, sondern einen Unterschied im kirchlichen Stand. Es gibt nun einmal in unserer Kirche Kleriker und Laien. Und es gibt Situationen, wo es wichtig ist zu wissen, welchem der beiden Stände eine Person angehört.

Beim Problem der Gleichwertigkeit ist zu sagen, dass Gleichwertigkeit noch lange nicht Gleichheit bedeutet und umgekehrt. Einer Tausendernote und ein Kredit in dieser Höhe sind aus finanzmathematischer Sicht gleichwertig, aber sicher nicht das Gleiche. Und es macht doch einen Unterschied ob die gleiche Kiste leer oder mit Gold gefüllt ist. Wenn wir von Gleichwertigkeit sprechen, so sollten wir immer sagen, welchen Massstab wir anwenden. Nach meiner Logik zum Beispiel kann die Gleichwertigkeit unter Theologen nie an ihrem Stand festgemacht werden. Da zählen ganz andere Faktoren. Oder die Frage nach der Gleichwertigkeit von Laien und Theologen: Beide sind Christen. Der Wert eines Christen aber kann genau so wenig an seinem Stand festgemacht werden. Auch da gelten ganz andere Massstäbe. Hier zählt allein der Wert in Gottes Augen. Und diesen können wir sicher nicht beurteilen. Gott allein sieht wirklich in das Herz des Menschen.

Das Problem in unserem Fall dürfte sein, dass man es nicht wagt zu sagen, dass man nicht so sehr eine Gleichwertigkeit fordert, welche auf Grund unserer menschlichen Begrenztheiten immer nur relativ sein kann. Was angestrebt wird ist die gleiche Würde, oder genauer gesagt die gleiche Macht und Vollmacht. Doch eine Gesellschaft, in der alle Menschen die gleiche Macht und Vollmacht besitzen, gibt es nicht. Das wäre das absolute Chaos. Wir sind alle aufeinander angewiesen. Das bedingt eine bestimmte Ordnung. Eine Ordnung aber schafft immer Über- und Unterordnungen.

Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb der Herr uns ans Herz legt: «Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.» (Mk 9,35) Nur in einer solchen Haltung spielen dann Würde, Macht und Vollmacht etc. nur noch insofern eine Rolle, als sie zur Ausübung des entsprechenden Dienstes notwendig sind. Vor Gott sind sie einfach eine Frage der Verantwortung. Je wichtiger die zugeteilte Aufgabe ist, desto grösser ist die entsprechende Verantwortung.

Im weltlichen Bereich gab es wohl noch nie ein solches Streben nach, ja Fordern von, Macht und Vollmacht und so wenig Bereitschaft zum Dienen wie heute. Das hängt damit zusammen, dass das Bewusstsein der gegenseitigen Abhängigkeit weitgehend verloren gegangen ist. Der Egozentrismus verdrängt immer mehr den «Wirzentriusmus». (Eine treffendere Bezeichnung fällt mir nicht ein). Mit den Augen des Glaubens gesehen ist dies der Paradigmenwechsel von gottzentriert zu menschzentriert. Schlussendlich landet beides im mehr oder weniger krassen Egoismus.

Wenn nun heute immer mehr Laien nicht mehr Laien sein wollen, sondern «mehr als nur», ist dies aus dieser «Änderung der Lebenswirklichkeit» heraus zwar verständlich, sollte uns alle aber aufrütteln und zu Umkehr bewegen, zur Umkehr zu Gott als Zentrum und Ziel unseres Lebens und damit zur Abkehr von unserer Forderungsmentalität. Das könnte uns wieder die Freude am Dienst schenken, am Dienst für Gott und in diesem Dienst am Dienst für die Mitmenschen.

Eine Art dieses Dienstes am Nächsten, zu welchem Gott grundsätzlich uns alle, aber einige in ganz besonderer Weise, in all den verschiedenen Aufgaben und Funktionen innerhalb unserer Kirche, beruft, ist die Seelsorge. Das Problem aber ist heute, (selbst wenn die Verlautbarung unseres Bistums von Pfarreiseelsorger/Pfarreiseelsorgerinnen spricht), dass das Wort Seelsorge zu einem absolut schwammigen Begriff geworden ist, oder der genauer gesagt, dass heute jeder etwas anderes unter dem Wort Seele versteht. Meist ist diese nur noch so etwas wie die Psyche, aber dann doch nicht ganz, sonst müsste nämlich die Ausbildung der Seelsorgenden den Schwerpunkt Psychologie, nicht Theologie haben. «Einen Leib-Seele-Dualismus gib es nicht.» So richtig diese Aussage auch sein mag, solange man keine Antwort darauf weiss, was denn diese Seele eigentlich sei um welche man sich sorgt, wird die Seelsorge immer bedeutungsloser und demzufolge dieser «Beruf» immer überflüssiger. Das zeigt sich dann auch, wenn in der bischöflichen Verlautbarung verlangt wird, all jene, welche ein Theologiestudium absolviert haben, als Pfarreiseelsorger/Pfarreiseelsorgerinnen zu bezeichnen. Jeder Seelsorger sollte eine genügende theologische Ausbildung haben. Aber nicht jeder Theologe ist deswegen schon Seelsorger. Was unter diesen Umständen bleibt sind dann Pfarrei- und Bistumsfunktionäre. Und in einer solchermassen verweltlichten Kirche sind Macht- und andere Kämpfe nichts als logisch.

«Schuster, bleibt bei deinen Leisten!» Nicht jener wird zeitlich wie ewig glücklich, der die gewünschte Position erreicht hat. Der Wunsch nach der nächsten Stufe folgt auf dem Fuss. Glücklich ist, wer die ihm zugeteilte Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen vor Gott und den Menschen zu erfüllen vermag.


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