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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Eine «gnadenlose» Kirche


 
22. November 2019
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Nein, unsere Kirche, welche so sehr die Barmherzigkeit Gottes betont, ist - mit Ausnahmen - sicher nicht gnadenlos im gängigen Sinn des Wortes. Aber manchmal scheint mir, als würde sie das, was wir in der Sprache des Glaubens Gnade nennen, vergessen, oder doch sehr vernachlässigen.

Gnade im Wortschatz des Glaubens ist «das Wohlwollen, die ungeschuldete Hilfe, die Gott uns schenkt», wie der KKK in Art. 1996 formuliert. Dieser spricht noch an vielen anderen Stellen von ihr. Es würde zu weit führen hier eine Auslegung der Gnadenlehre der Kirche zu versuchen. Wichtig scheint mir zu sehen, dass die Gnade, so wie sie hier definiert ist, dem Geist dieser Welt und besonders dem heutigen Zeitgeist diametral entgegen steht. Viele heutige Menschen, bis hinein in unsere Kirche und ihrer Hirten, sind einem Machbarkeitswahn erlegen, welcher zwar Gott nicht leugnet, aber nicht mehr zutiefst überzeugt ist, dass wir von Gott abhängig sind, dass wir seiner Gnade bedürfen. Das hängt damit zusammen, dass Gott in unserer Welt alles Mögliche ist, aber nicht mehr wirklich Gott, der Vater, der Allmächtige, der Schöpfer des Himmels und der Erde. Er ist nicht mehr eine wahre, in der Geschichte handelnde Person - von einem Wesen in drei Personen ganz zu schweigen.

Zu einem solchen irgendwie undefinierbaren Gott ist es logischerweise schwer eine wirkliche Beziehung aufzubauen. Die Versuchung liegt dann nahe, ihm die Rolle einer helfenden Macht zuzuweisen, von ihm alles Mögliche zu erwarten, nur eines nicht, dass er uns sagt: "Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst … !» Das kann die unterschiedlichsten Formen annehmen. Allen ist eines gemeinsam: Es geht um ICH und Gott, statt um GOTT und wir. Da hat dann die Gnade keinen Platz mehr.

Das zeigt sich deutlich nicht nur darin, dass der Begriff Gnade in unserer Verkündigung, wenn überhaupt, nur noch eine Nebenrolle spielt. Das zeigt sich auch darin, dass die Sakramente immer mehr zu Ritualen verkommen. Dass fängt schon bei der Taufe an, wo die Aufnahme in die Kirche in den Vordergrund rückt. Das sieht man beim Bussakrament, das kaum mehr wirklich verstanden wird und deshalb in Vergessenheit gerät. Das geht weiter bei der Firmung, in welcher man sich entscheidet ein guter Christ zu sein, was immer das auch heissen mag. Das wird deutlich in der Heiligen Eucharistie, wo das Wort (des Zelebranten) und der Aspekt der Gemeinschaft die Heiligkeit und den Opfercharakter dieses Geschehens immer mehr verdrängen. Dabei sind doch die Sakramente Riten, welche bewirken was sie bezeichnen (vgl. KKK 1127), in welchen die Gnade Gottes sinnlich erfahrbar wird, wenn man das einmal so sagen darf.

Das ist es, was hier mit einer «gnadenlosen» Kirche gemeint ist, eine Kirche, welche sich von der Gnade Gottes verabschiedet hat. Man kann sich fragen, ob sie sich damit nicht irgendwie auch von Gott verabschiedet.


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