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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Heiligmachendes Tun

Heilgmachende Gnade

16. Juni 2018
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Im Apostolischen Schreiben "Gaudete und exsultate" unseres Heiligen Vaters Papst Franziskus stiess ich auf einen Begriff, der mir in meinem bisherigen Leben noch nie begegnet ist: "Heiligmachendes Tun" steht da im ersten Kapitel als Zwischentitel vor der Nummer 25.

Von "heiligmachender Gnade" war – im Gegensatz zu heute – in meiner Jugendzeit sehr viel die Rede. Sie galt damals als die Grundvoraussetzung für unser Heil, für unsere Heiligkeit. Sie war Gnade, also reines Geschenk. Man konnte sie nicht kaufen, man konnte sie sich nur schenken lassen. Der Normalweg dazu war das Sakrament Taufe. Deshalb war die Taufe auch heilsnotwendig. Natürlich gab es auch andere Wege, welche Gott in seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit für jene offen hielt, welche unverschuldet die Taufe nicht empfangen konnten. Von der Bluttaufe der Märtyrer war zum Beispiel die Rede, aber auch von der vollkommenen Reue und anderem.

Diese heiligmachende Gnade konnte man verlieren durch die schwere Sünde, welche deswegen auch Todsünde genannt wurde. Es galt also zuerst einmal so zu leben und zu handeln, dass man sie nicht verlor. Dass dabei auch das Denken und Reden einbezogen war, und die Unterlassung des Guten, war ebenfalls klar. Endgültig wurde dieser Verlust sozusagen erst mit unserem Tod. Eigentlich bis zum letzten Moment stand Gottes Barmherzigkeit für uns bereit. An uns war es immer wieder umzukehren, zu bereuen und uns diese heiligmachende Gnade wieder schenken lassen im Heiligen Busssakrament.

Doch auch schon damals erlagen die Gläubigen oft der Versuchung, sich diese Gnade erwerben zu wollen. Wenn heute eine öffentlich gelebte, intensive Frömmigkeit so sehr in Misskredit geraten ist, so doch wegen jener Christen aller Hierarchiestufen, welche an andere Ansprüche stellten, die sie selber nicht erfüllen konnten, und ihr eigenes Versagen – bewusst oder unbewusst – hinter den Übungen der Frömmigkeit versteckten. Das war sicher meist sehr gut gemeint, aber eben nicht gut. Für mich ist dies auch ein Beweis, dass Gnade eben Gnade ist und nicht Verdienst. Wenn nun heute von heiligmachendem Tun die Rede ist, so frage ich mich, ob dem nicht oft der gleiche, gutgemeinte Irrtum zu Grunde liegt, dass wir uns die Gnade Gottes auf irgendeine Art und Weise doch erwerben könnten. Das Problem ist nämlich, dass Gnade ein Geschenkt ist, das Gott niemandem aufzwingt, dem jedermann ausweichen, ja das jedermann schlimmstenfalls bewusst verweigern kann.

Das Verhältnis von Gnade und Verdienst – wie man es damals nannte – ist ein sehr schwieriges, kaum wirklich zu erklärendes Phänomen. "Gott ist grösser" dürfte der einzig einigermassen begreifbare Schlüssel dazu sein. Ich selber spreche lieber von Gnade und Bemühen. So ist unser "Beitrag" zu unserem Heil einfach die möglichst bewusste Annahme der Gnade Gottes und der möglichst ernsthafte Versuch aus dieser Gnade heraus zu leben. Aufzuzeigen, was das alles heissen kann, würde hier zu weit führen. Zusammenfassen kann man dies vielleicht im Begriff "Beziehung zu Gott". Wenn für mich Gott wirklich Gott ist und mir an einer guten - das heisst nicht zuletzt auch gegenseitigen - Beziehung zu diesem dreifaltig einen Gott etwas liegt, dann bemühe ich mich, seine Geschenke an mich, seine Gnade, immer besser zu erkennen und diese in meinem Leben immer besser ein- und umzusetzen. Dann sind all meine Anstrengungen um Heiligkeit nichts anderes als die Sorge, Gott nicht zu enttäuschen oder gar zu beleidigen, indem ich seine Geschenke – und damit ihn selber – ablehne. Ich gehe davon aus, dass auch unser Heiliger Vater "Heiligmachendes Tun" in diesem Sinn versteht.




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