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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Herrgott noch einmal!

weder heiss noch kalt
11. Februar 2018

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Ist Ihnen auch schon aufgefallen wie oft Gott heute sogar beim Fluchen vergessen wird? Letzthin begegnete mir wieder einmal das Kraftwort: „Herrgott noch einmal!“. Ich hatte es schon lange nicht mehr gehört, sodass ich richtig stutzig wurde. Schimpfen und fluchen die Menschen heute weniger als früher? Ich glaube kaum. Aber Gott kommt dabei viel weniger vor.

„Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren.“ wurde uns im Religionsunterricht meiner Jugend noch beigebracht. Damals kamen im Grossteil aller Kraftwörter Begriffe wie Himmel, Herrgott, Sakrament etc. vor. Sind die Menschen inzwischen besser geworden? Auch das würde ich bezweifeln. Was aber auffällt ist, dass Gott ganz allgemein weniger vorkommt. Gott spielt heute viel weniger eine Rolle im Leben des Menschen als früher, weder eine positive, noch eine negative. Gott ist irgendwie gleichgültig geworden, etwas, das man benutzt, wenn es irgendwie nützlich sein könnte, und das man beiseiteschiebt, wenn man auch ohne auskommt oder auszukommen meint. Und manchmal habe ich den Eindruck, diese Haltung sei auch schon bis weit in die Kirche hinein vorgedrungen.

„Weil du aber lau bist, weder heiss noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.“ (Offb 3,16) Wenn vom Herrgott die Rede ist, ist es schwer weder heiss noch kalt zu sein. Gott ist der Herr. Entweder ich akzeptiere seine Herrschaft, oder ich lehne sie ab. Einfach „nice to have“ gibt es beim Herrgott nicht. Also lässt man diesen Begriff lieber beiseite. Nur von Gott zu reden ist viel bequemer. Da kann man all seine guten Eigenschaften herauspicken und seine weniger guten und fordernden einfach „vergessen“. Noch einfacher ist es nur noch von Jesus zu reden und zu „übersehen“, dass die Schrift gerade von ihm als dem Herrn spricht und damit seine Gottheit bekennt. So kann man leicht nur den „Superstar“ sehen, so kann man einfach „Fan“ sein - solange die Begeisterung anhält. Wenn dann aber dieser Jesus mit dem Kreuz auf der Schulter kommt und sagt: „Folge mir nach.“, dann ist schnell einmal „fertig lustig“.

Natürlich wurde und wird auch heute noch der Begriff Herrgott hin und wieder als „Drohbotschaft“ verwendet oder empfunden. Es ist nicht immer leicht den richtigen Tonfall zu treffen, wenn man den ganzen Ernst unserer Gottesbeziehung erklären will. Da lob ich mir die Rede vom lieben Gott. Bei dieser bleibt Gott immer noch Gott. Aber da kommt auch seine Liebe zu uns ins Spiel. Wenn dann „Vater unser im Himmel“ gebetet wird, so ergibt sich daraus ein wunderschönes Bild dieses lieben Gottes. Dann leuchten auch die beiden nächsten Bitten ein: „„Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme.“ Dann wird uns je länger je mehr klar, dass diese Liebe und diese Barmherzigkeit unseres Gottes umso grösser und wichtiger wird, je mehr wir diesen Vater als unseren Herr, als wahrhaft Gott sehen und an ihn glauben.

Die Gefahr des Paradigmenwechsels von heute liegt meines Erachtens darin, dass für immer mehr Menschen Gott nicht mehr wahrhaft Gott ist, dass sie glauben, Gott gegenüber „weder heiss noch kalt“ sein zu dürfen. Da ist man versucht zu sagen: „Herrgott noch einmal!“



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