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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Du kannst wählen

Der moralistisch-therapeutische Deismus
 
18. Juni 2020
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 In einer Diskussion kam die Rede auf die Sonntagspflicht. Da frage jemand, ob dieses Gebot erfüllt sein, wenn er eine Wortgottesfeier besuche, obwohl er eigentlich durchaus die Möglichkeit hätte einem Heiligen Messopfer beizuwohnen. Die Antwort des beteiligen Priesters war: «Du kannst wählen.» Diese Antwort hatte der Fragende nicht erwartet und frage nochmals. Und wieder war die Antwort: «Du kannst wählen.»

Kurz zuvor war in der Diskussion der moralistisch-therapeutischen Deismus zur Sprache gekommen. Dort hatte der Priester abgeblockt mit der Bemerkung: «Das interessiert mich nicht.» Da kam mir plötzlich der vierte Glaubenssatz dieser Pseudoreligion in den Sinn: «Gott ist es nicht so wichtig, ob wir uns um ihn kümmern oder nicht. Wenn wir es wollen, hilft er uns, aber sonst dürfen wir tun und lassen, was sich gut anfühlt.» Zeigt die Antwort auf die Frage nach dem Sonntagsgebot nicht nur zu deutlich, wie weit diese Irrlehre bereits – schleichend und ganz unbewusst -in unserer Kirche eingedrungen ist, ohne dass unsere Hirten dies überhaupt realisieren und etwas dagegen unternehmen?

«Aber sonst dürfen wir tun und lassen, was sich gut anfühlt.» Wenn uns die Nase des Predigers beim Heiligen Messopfers besser gefällt, dann gehen wir dorthin. Sonst wählen wir eben die Wortgottesfeier. Von da bis zur Haltung: «Wenn Ausschlafen nach einer anstrengenden Partynacht sich besser anfühlt, wer kann mir da Vorschriften machen?» ist dann nur noch ein kleiner Schritt. Das Ziel des Lebens ist doch, dass sich jeder glücklich fühlt. (Glaubenssatz 3 des MTD)

«Der moralistisch-therapeutische Deismus ist eine Religion, in der Gott nicht der Herr sondern der Handlanger des Menschen ist.» So formulierte jüngst ein Aphoristiker. Ist es nicht so, dass unsere moderne Religionspädagogik und Verkündigung – immer ganz unbewusst, in der Sorge darum, ja keine «Drohbotschaften» auszusenden – in breiten Kreisen unserer Gläubigen eine ähnliche Botschaft verbreitet? Ist es nicht so, dass Gott in unserer Kirche immer mehr alles und jedes und insbesondere Liebe ist, aber nicht mehr Gott, der Herr, der Herrscher über das All. Ist es nicht so, dass sich unsere «Frohe Botschaft» immer mehr so anhört, als sei dieser Jesus gekommen um uns die (illusorische) Möglichkeit eines irgendwann kommenden irdischen Heils zu verkünden? Wird den Gläubigen (und Suchenden) nicht immer mehr jene wahre frohe Botschaft unserer Erlösung aus Sünde und Schuld durch das Kreuzesopfer unseres Herrn vorenthalten?

Eigentlich haben wir es jetzt schon lange genug mit diesem Weg versucht, welcher die ganze Fülle unseres katholischen, allumfassenden Glaubens zu einem Selbstbedienungsladen gemacht hat, wo «jeder glaubt was er will, keiner glaubt was er soll (weil niemand mehr genau weiss was die Kirche noch glaubt und was nicht mehr), aber alle glauben mit.» «Kehrt um zu ihm, Israels Söhne, / zu ihm, von dem ihr euch so weit entfernt habt.» (Jes 31,6) Alles andere führt unweigerlich in eine Wohlfühlreligion à la MTD. Eine solche aber ist auf die Dauer nicht attraktiv, sondern langweilig, wenn nicht gar widersinnig.


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