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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Unsere Leistungsgesellschaft

und die Heiligkeit
05. Juli 2018
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Dass unsere heutige Welt eine Leistungsgesellschaft geworden ist, dürfte unumstritten sein. Der Mensch von heute wird nach seiner Leistung und – was nicht zu vergessen ist – nach seiner Leistungsfähigkeit, das heisst seinen Möglichkeiten, eine Leistung zu erbringen, bewertet. Zu letzterer gehören zum Beispiel auch das Vermögen und die gesellschaftlichen Beziehungen, sein Rang und Name etc.

Und in unserer Kirche? Auch hier wird niemand bestreiten, dass wir immer wieder versucht sind unsere Mitchristen nach ihrer Leistung im weitesten Sinn des Wortes zu bewerten oder dann zu verurteilen. Aufgefallen ist mir dies jüngst, als in einer Diskussionsgruppe von den "Frömmlern" die Rede war, welche den Begriff "Heiligkeit" für ihre Umgebung unattraktiv oder gar abstossend werden lassen. Meine Frage ist allerdings ob solche Menschen nicht einfach auch Opfer unseres Leistungsdenkens sind. Einerseits erwarten sie von Gott, dass er ihre "Leistung" honorieren werde. Andererseits glauben sie, dass ihre Umwelt auf den Schein hereinfallen und ihr Ungenügen in Sachen Heiligkeit - oder was sie dafür halten – nicht oder doch weniger bemerken würde. Und dann, ist es nicht der grosse Fehler, der uns immer wieder unterläuft, die "Fehler" der anderen als Entschuldigung zu benutzen um uns nicht selber bessern zu müssen, satt aus diesen lernen wo die Fallstricke für uns selber liegen?

Ja, fallen nicht wir alle immer wieder in die Versuchung vor Gott und den Menschen "Leistungen" vorweisen zu müssen? Wenn heute unser Einsatz für Umwelt, Friede und Gerechtigkeit so hochgespielt wird, steckt dann dahinter nicht auch manchmal der Versuch unsere Leistung in den Vordergrund zu stellen, und der Wahn, uns über unsere Leistungen rechtfertigen zu müssen? Wo liegt dann da der Unterschied zu jenen, welche das Gebet als einzig "heiligmachendes Tun" betrachten? Gegen einen solchen Leistungsdruck hatten unsere Vorfahren ein paar Begriffe, welche leider heute kaum noch beachtet werden. Da ist einmal der Begriff Gnade, der uns daran erinnert, dass Gott der Vater, der Allmächtige, der Schöpfer des Himmels und der Erde ist, dass wir schlussendlich alles ihm verdanken, auch das, was wir glauben, selber erreicht zu haben. Dann sind es Begriffe wie Vorsehung und Ergebung in Gottes Willen, welche uns hinter allem, was wir sind, haben und erreichen Gott in seiner unendlichen Weisheit und Güte sehen lernen. Und nicht zuletzt die Erlösung, welche uns erst das Geheimnis der Liebe Gottes erschliesst, soweit dies für uns Menschen überhaupt möglich ist.

Zu all dem liesse sich noch viel sagen. Wichtig scheint mir, dass wir wieder mehr Gott ins Spiel bringen, dass immer mehr er Zentrum und Ziel unseres eigenen Lebens und damit unserer Kirche wird, dass in unserem Bewusstsein jene Heiligkeit, zu der wir hier und jetzt berufen sind, "die tiefe Beziehung zu Gott, ein wunderbares und unergründliches Zusammenspiel von Gott und Mensch, von Gnade und Bemühen" wird.


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