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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Neues und Altes

Beitrag zum Buchprojekt

21. Apri 2018
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Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke und mich frage, was mir das „Wort des lebendigen Gottes“, die Heilige Schrift, in diesen vielen Jahren bedeutet hat und heute bedeutet, so kommt mir spontan die Schriftstelle bei Matthäus 13,52 in den Sinn: „Da sagte er zu ihnen: Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt.“ Dieser voran gehen verschiedene Gleichnisse und dann die Frage des Herrn: „Habt ihr das alles verstanden?“ Die Jünger antworteten spontan mit Ja. Daraufhin sprach der Herr diese nicht ganz leicht zu verstehenden Worte.

Meine Jugend war noch geprägt von einer Mentalität, welche unsere reformierten Kameraden behaupten liess, wir Katholiken dürften die Schrift nicht lesen, das sei bei uns den ausgebildeten Theologen vorbehalten. Das war natürlich ein Missverständnis. Wir wussten einfach, dass die Schrift nicht leicht zu verstehen, dass vieles darin nur auf dem Hintergrund des ganzen katholischen Glaubens verständlich ist, dass gewisse Schriftstellen, aus dem Gesamtkonzept gerissen, zu Irrtümern bis hin zu Irrlehren führen können. Dass dies zu einer gewissen Vernachlässigung der Schrift führen kann, das wurde mir später klar.

Im Internat dann, bei den Redemptoristen, wurde ich zum ersten Mal mit der täglichen Schriftlesung konfrontiert. Es war Tradition, dass wir eine gewisse Zeit unseres Studiums dazu verwenden sollten. Darauf aber waren weder ich noch viele meiner Mitschüler genügend vorbereitet. Es blieb bei einer „Pflichtübung“, die wir oft ziemlich vernachlässigten. Nach dem Austritt aus diesem Internat was das schnell vergessen. Der Kontakt mit der Schrift reduzierte sich wieder auf die sonntäglichen Gottesdienste. Zum Glück hatte ich immer noch meinen Schott oder Bomm – ich weiss nicht mehr welchen – der dann weiter half, wenn in der vorkonziliaren, lateinischen Liturgie nur das Evangelium, nicht aber die Lesung, auch noch deutsch vorgetragen wurden.

Im Religionsunterricht und in der Homilie dagegen wurde damals dem Wort Gottes und seiner Erläuterung ein entscheidender Platz eingeräumt. Dabei - so sehe ich das im Rückblick heute - waren die Prediger sehr bemüht, die offizielle Auslegung zu verkünden. Eigene oder gar eigenwillige Interpretationen kamen sehr selten vor. Solches erlebte ich eigentlich erst kurz vor dem Konzil und besonders danach. Das war dann jene Zeit, in welcher dem „mündigen“ Christen „der Tisch des Wortes reichlicher gedeckt“ werden sollte. Dass dieses zu einer intensiveren Beschäftigung der einfachen Gläubigen mit der Schrift geführt hätte, war – wenigstens in meinem Umfeld – nicht zu erkennen.

Für mich persönlich begann das eigentlich erst, als ich schon gegen die fünfzig Jahre ging. Immer deutlicher spürte ich das Auseinanderdriften der Fortschrittlichen und der Konservativen im meinem Bekanntenkreis. Als dann noch auf der einen Seite eher fragwürdige „Erscheinungen und Botschaften“ ins Spiel kamen, und auf der anderen Seite ein Laientheologe in der Predigt behauptete, christlich sei dort, wo man den Militärdienst verweigere, da stellte sich mir die Frage: „Wo stehst Du? Was glaubst Du?“ Das führte dann dazu, dass ich mich intensiver - nicht nur, aber besonders – mit der Schrift zu befassen begann.

Wenn ich mich richtig erinnere, hatten wir immer eine Bibel zu Hause. Sie war zwar relativ dick, aber im Taschenbuchformat. Das war die Zeit, da ich infolge eines Arbeitsplatzwechsels zu einem Arbeitsweg von einer guten halben Stunde gezwungen war. Nun war sie meist in meiner Mappe, und manchmal im Zug oder in der Mittagspause nahm ich mir einen kurzen Abschnitt vor. Nach und nach wurde daraus eine regelmässige Übung, und heute noch gehören je ein Anschnitt aus dem Alten und dem Neuen Testament zur täglichen geistlichen Lesung.

Mit dem eigenen PC zu Hause kam irgendwann die Quadro-Bibel dazu. Die Möglichkeit elektronisch nach Stellen zu suchen, wenn mir ein Text nur noch teilweise präsent ist, schätze ich auch heute noch sehr. Ohne diese könne ich mir meine Arbeiten als Schreiberling kaum vorstellen. Ohne sie hätte ich auch wohl kaum bemerkt, wie reichhaltig und umfassend diese Bücher des Alten und neuen Testamentes überhaupt sind, wie man daraus immer wieder „Neues und Altes hervorholen kann.“

Einer Gefahr wurde ich mir dabei allerdings auch bewusst, nämlich dass man einseitig in eine ganz bestimmte Richtung sucht, dass man alles weglässt, was nicht zur eigenen Meinung passt, was diese vielleicht sogar in Frage stellen könnte, dass man überall Bestätigungen der eigenen Auslegung sieht. (Dass man solches immer zuerst bei anderen beobachtet und viel zu wenig bei sich selber, ist eine altbekannte Schwäche, wohl nicht nur von mir.) Das führt mich zur Behauptung, auch unsere Schriftlesung müsse katholisch, allumfassend sein, wenn sie gut Früchte bringen soll. Auf die Hilfe unser „Mater et Magistra“, der Heiligen Kirche, können und dürfen wir dabei nie verzichten.

Eine Stelle der Schrift dürfen wir also auch beim Umgang mit ihr nie aus den Augen verlieren: „Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“ (Gen 3,4-5) Bescheidenheit, oder besser vielleicht Demut, vor Gott, das Bewusstsein unser Begrenztheit und Fehleranfälligkeit, ja unserer Sündhaftigkeit, werden uns mit der erforderlichen Ehrfurcht an dieses unermessliche Geschenk herangehen lassen. Dann nur werden wir jene Hausherren, oder besser gesagt Verwalter, welche aus diesem reichen Vorrat immer wieder Neues und Altes hervorbringen, zu unserem Nutzen und zum Nutzen unserer Nächsten.


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