Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Ohne mich könnt ihr nichts tun

  Joh 15,5

10. November 2019

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Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.

In einem Organisatorenkurs präsentierte uns vor vielen Jahren einmal ein Referent das weltweit wohl am meisten verbreitete Organisationsprinzip: «Es ist etwas geschehen! Es muss etwas geschehen!!!» Der Kursleiter war ehrlich genug einzugestehen, dass dieses Prinzip oft deshalb so erfolgreich ist, weil die meisten Vorgesetzten aller Hierarchiestufen selbst von den Vorzügen dieses Systems angetan sind. Es erspart nämlich die Mühe des vernetzten Denkens. Wenn wir nun in unsere moderne Welt hinein sehen und hören, so merken wir bald einmal, dass diese Methode heute eher noch weiter verbreitet ist als damals. Das Greta-Phänomen ist ein schönes Beispiel dafür.

Aber auch in unserer Kirche verbreitet sich dieser Virus wie auf den Flügeln der himmlischen Heerscharen. Für all unsere Probleme gibt es heute Dutzende von Lösungsvorschlägen, und jede dieser Ideen ruft sofort Dutzende anderer auf den Plan. Es wird diskutiert und gestritten, Dialoge angesetzt, Konferenzen, Synoden und was auch immer abgehalten. Es werden Aktionen durchgeführt und Papiere erstellt. Und schlussendlich klopft man sich auf die Schulter: «Seht, wir haben Massnahmen ergriffen, und Instruktionen, Weisungen, Gesetze oder was auch immer erlassen. Machen wir einmal Pause. Es wird sicher bald wieder etwas geschehen, das verlangt, dass etwas geschehen muss.»

Dazu kommt noch ein anderer Virus dieser Welt, welcher sich auch in unserer Kirche festzusetzen beginnt: Der Machbarkeitswahn. Der rasante Fortschritt der Technik führt viele dazu zu glauben, über kurz oder lang würden wir alle Probleme dieser Welt lösen können. Dann bräuchte es nur noch den guten Willen aller, und das Himmelreich auf Erden wäre Wirklichkeit. Diese letzte Bedingung zu erfüllen, dazu glauben sich nun verschiedene Strömungen in unserer Kirche berufen und befähigt. Man ist sich zwar bewusst, dass dies noch ein weiter Weg sein wird. Aber «Das schaffen wir!» und wenn es bis zu jenem Ereignis dauert, das die Schrift in ihrer märchenhaften Sprache als das jüngste Gericht beschreibt.

Dass die Schrift hier anderer Meinung ist, das scheint viele mehr oder weniger kluge Köpfe nicht zu kümmern. Im Gegenteil. Gott wird immer mehr aus unserer «Lebenswirklichkeit» verdrängt, nicht zuletzt wohl deshalb, weil wir in unserem Innersten spüren: «Ohne mich könnt ihr nichts tun.» Das aber kann nicht sein, weil es nicht sein darf. Wir können doch keinen solchen Gott über uns brauchen. Ein Gott, der uns liebt und uns hilft, ja, das wäre nicht schlecht. Aber ein Gott, der uns entgegen tritt mit dem Anspruch: «Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst …»? Das geht doch nicht. Wir wollen sein wie Gott, selber wissen, selber entscheiden, was richtig und was falsch, was gut und was böse ist. (vgl. Gen 3,5)

Nur, woher kommt dann das Leid, woher kommen alle Probleme und aller Streit wenn nicht daher, dass wir weder allwissend noch allmächtig sind einerseits, und andererseits, dass es das Böse in der Welt und in jedem Einzelnen von uns gibt, oder anders ausgedrückt, dass wir den paradiesischen Zustand durch den Ungehorsam, die Besserwisserei unserer Stammeltern verloren haben, oder kurz, dass wir erlösungsbedürftig sind. Uns zu befreien aus alldem, das können wir versuchen. Die Befreiungstheologie redet uns das ein. Aber uns selbst zu erlösen ist unmöglich. Nur einer war in der Lage, den Preis dafür zu bezahlen, unser Herr und Heiland, durch seine Menschwerdung, sein Leben, Leiden, Tod und seine Auferstehung. Das Einzige, was wir tun können und müssen, ist diese Erlösung anzunehmen und aus ihr heraus zu leben, oder wie es die Schrift sagt, wir müssen in ihm bleiben, zulassen, dass er in uns bleibt, um so reiche Frucht zu bringen für das ewige Leben. So wird dann unser Leben zu einem wunderbaren und unergründlichen Zusammenspiel von Gott und Mensch, von Gnade und Bemühen, in welchem wir uns immer mehr bewusst werden: «Ohne Dich, mein Herr und mein Gott, können wir nichts tun.» Das wiederum schenkt schon jetzt eine Gelassenheit und ein Vertrauen, wie es diese Welt trotz all ihren Fortschritten uns nie wird geben können.

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