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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Das grosse Puzzle

Der Glaubensgehorsam
 
07. September 2020

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Im Altarraum unserer Kirche hing heute ein grosses Tuch. Darauf war ein Puzzle gemalt. Der Prediger ging nicht darauf ein. Es gehörte wohl zu einem thematischen Gottesdienst, welcher vorher stattgefunden hat, oder später stattfinden wird. Auf den einzelnen Teilen waren die Farben und Symbole verschiedener Länder etc. zu erkennen. Für regelmässige Gottesdienstbesucher war die Botschaft klar: Wir Christen / Menschen gehören zur grossen Familie Gottes, zur grossen Gemeinschaft der Kirche, ungeachtet der Rasse, der Herkunft oder was auch immer uns unterscheidet.

Das Bild an sich schien mir irgendwie chaotisch. Ein Gesamtbild war, ausser in der eher moralistischen Botschaft, nicht zu erkennen. Deshalb tauchte bei mir die Frage auf, ob dieses Bild nicht weit mehr aussagt als das, was damit ausgesagt werden wollte. Wenn wir uns ein wenig hinein vertiefen, so fällt zuerst einmal auf, dass so ein Puzzle eigentlich eine grosse Portion Disziplin und Ordnung braucht. Einfach irgendwelche Kartonstücklein zusammen zu fügen genügt nicht, Dadurch entsteht nicht einmal ein rein dekoratives Mosaik. Die Teile müssen genau aufeinander passen. Schneidet man von einem ein Stücklein weg, oder verändert man sonst wie die Form, so ergeben sich Löcher oder sie passen nicht mehr in die vorgegebenen Aussparungen. Das Gleiche gilt bei den Farben und Mustern der Teile. Werden diese auf einem Teil verändert, so kann damit schlimmstenfalls das ganze Bild verändert oder gar zerstört werden. Das Gleiche gilt natürlich, wenn wir versuchen, einen Teil eines anderen Bildes einzufügen. Dieses kann lange in der genau gleichen Form gestanzt sein, es passt nicht. Auch wenn wir ein Teilchen von einer anderen Stelle des Bildes nehmen, so haben wir das gleiche Resultat. Und wie schrecklich ist es, wenn wir am Schluss der Arbeit feststellen müssen, dass ein oder mehrere Teilchen fehlen oder dass wir überzählige haben. Da ist dann oft die ganze Freude dahin.

Diese ganze Problematik auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen zu übertragen, würde hier zu weit führen. Das ergäbe ein dickes Buch. Aber vielleicht sollten wir uns überlegen, ob sie nicht auf die heutige Glaubenskrise anwendbar ist. Ist unser ganze, katholische (allumfassende) Glaube nicht auch so ein grosses Puzzle aus vielen verschiedenen Teilen? Und ist es nicht so, dass die meisten Probleme dort entstehen, wo Teile weggelassen oder verändert werden? Liegt es aber oft nicht auch daran, dass Teile oder ganze Partien des Gesamtbildes neu «eingefärbt», mit einer anderen Akzentsetzung verwendet werden? Oder erleben wir es nicht immer wieder, dass versucht wird, Teile dort einzufügen, wo sie nicht hingehören? Ja, gibt es nicht sogar Tendenzen wo versucht wird, Teile aus einem ganz anderen Bild, aus einer anderen Religion, einem anderen Gottesverständnis hinzuzufügen?

Früher sprach man oft vom Glaubensgehorsam. Aus der hier dargelegten Sicht könnte man diesen durchaus mit jenem «Gehorsam» vergleichen, den der Puzzleliebhaber dem vorgegebenen Bild leistet. Der wahrhaft Gläubige fühlt sich dem Gesamtbild des Glaubens - wenn man das einmal so sagen kann - verpflichtet. Er will ihn nicht verändern, verbessern. Er will ihn auch nicht verkürzen oder umbauen. Ja, er will ihn nicht einmal schon jetzt ganz verstehen. Er weiss, dass glauben eben glauben heisst, Vertrauen auf die Offenbarung, welche der Herr ihm durch seine Heilige Kirche schenkt, und die sichere Hoffnung einst am Ende seines Lebens zur vollen Klarheit zu gelangen.

Ein solcher Glaube ist heute nicht mehr modern. Der moderne Mensch will selber wissen, selber verstehen, selber entscheiden was gut und was böse ist. Er will nicht mehr gehorchen. Er glaubt zwar oft und gerne jedem Schreihals auf dem Markt der Ideologien und Weltanschauungen und leistet dem Mainstream auch meist blinden Gehorsam. Aber an einen Gott zu glauben - und ihm dann auch zu glauben - der die Wahrheit ist und uns diese offenbart, soweit wir als beschränkte Geschöpfe diese überhaupt zu fassen vermögen, das erlaubt ihm sein Stolz nicht. Dazu müsste er sich erst erlösen lassen aus den Folgen der Erbschuld und so aus seiner Verblendung erwachen. Nur dann kann er das Puzzle des Glaubens richtig zusammenfügen und so zu jener Freude des Glaubens gelangen, welche ihm hilft frohen Mutes seinen Weg durch diese Zeit zur ewigen Heimat zu gehen.


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