Vernachlässigte Aspekte - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die Sache des Herrn

  1.Kor 7,32-35
 
Wozu sind wir auf Erden

02. Oktober 2020
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Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.

Als ich kürzlich im Stundengebet auf diese Stelle stiess, das fragte ich mich, weshalb dieses Pauluszitat nicht öfter in die Argumentation für den Zölibat des Priesters und der Ordensleute einfliesst. Liegt es vielleicht daran, dass heute kaum noch jemand sich bewusst «um die Sache des Herrn» kümmert? Was heisst das überhaupt?

Die erste Frage des alten Katechismus war: «Wozu sind wir auf Erden?» Und die Antwort lautete: «Wir sind auf Erden um Gott zu dienen …» Der KKK ist anders strukturiert. In Artikel 358 heisst es aber auch dort «…, um Gott zu dienen, …». Im YOUCAT ist es dann wieder die erste Frage und dort lautet die Antwort: «Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen und zu lieben, nach seinem Willen das Gute zu tun und eines Tages in den Himmel zu kommen.» Zwischen den beiden Antworten liegt, so scheint mir, der Paradigmenwechsel von gottzentriert zu menschzentriert. Vereinfacht ausgedrückt, der Mensch ist nicht mehr auf Erden um Gott zu dienen. Gott will einfach von ihm erkannt werden.

Paulus spricht davon, dass der Unverheiratete sich um die Sache des Herrn sorgt. Ist nicht das die Haltung eines wahren Dieners? Der Knecht führt aus, was der Herr befiehlt. Der Diener sorgt sich darum, dass der Wille des Herrn geschieht. Wir alle sind berufen, Gott zu dienen. Von denjenigen aber, welche Gott in seinen besonderen Dienst ruft, erwartet er, dass sie sich ungeteilt um «die Sache des Herrn», um den Auftrag, den Gott ihnen zugeteilt hat, kümmern, dass sie sich so wenig als möglich von anderen Sorgen belasten lassen. Das ist der tiefe Sinn des Zölibats.

Doch um sich bewusst in den Dienst Gottes zu stellen, sei es in einem ganz normalen Menschenleben, sei es in einer speziellen Berufung, ist es nötig, Gott ins Zentrum seines Lebens zu stellen. Dazu genügt es nun einmal nicht, einfach Gott zu erkennen. Dazu muss man ihn als Gott anerkennen. Doch genau daran krankt unsere Kirche, ja die ganze Welt. Wir wollen Gott erkennen, ja. Wir wollen, dass Gott uns liebt und für uns da ist, ja. Wir wollen ihn sogar lieben - solange er nicht der Herr ist, solange alles nach unserem Willen geht. Doch nicht dazu sind wir auf Erden. Deshalb müssen wir wieder – uns selbst und der ganzen Welt - Gott als den Herrn verkünden, selbstverständlich als den uns liebenden Herrn, aber ganz bewusst als den Herrn. Dann erst kann die so oft beschworene Neuevangelisation gelingen. Dann erst kann auch unser eigenes Leben gelingen. Denn das ist unsere wahre Selbstverwirklichung, die Verwirklichung des Willen Gottes mit uns.

 
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