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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Lieben und geliebt zu werden

der Sinn des Lebens?

  
17. Januar 2020
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Im Internet stiess ich zufällig auf eine Kurzpredigt, welche sich mit dem Sinn des Lebens befasste. Ich hörte sie mir an. Ausgangspunkt war die Feststellung, dass eigentlich kein Mensch wahrhaft glücklich werden kann ohne einen Sinn seines Lebens. Wenn er nämlich die Welt betrachte, so sehe er bald, dass alles einen Sinn hat, dass es nichts gibt, welches nicht irgend einen Sinn hätte. Eine Maschine habe zum Beispiel den Sinn, ein bestimmtes Teil zu schaffen, die Flügel des Adlers den Sinn, dass dieser Vogel sich in der Luft bewegen kann. Die Frage, welches nun der Sinn des eigenen Lebens sei, drängt sich also geradezu auf.

Ein anderes Bedürfnis ist noch in jedem Menschen vorhanden, das Bedürfnis, die Sehnsucht nach Liebe. Was liegt also näher, als den Sinn des menschlichen Lebens in der Liebe zu sehen, im lieben und im geliebt zu werden. Hier brachte dann dieser christliche Prediger natürlich sofort Gott ins Spiel, jenen Gott, der Liebe ist und den wir lieben sollen, ja dürfen. Die ganze Argumentationskette hier wiederzugeben würde zu weit führen. Hier bracht diese Predigt dann auch ab. Die Konsequenzen für unser Leben dürften in einem weiteren Beitrag dieser Serie dargelegt worden sein.

Schön und gut. Doch das Beispiel der Maschine führte mich zu einer anderen Frage. Bestimmte Teile zu fertigen ist doch nur der vordergründige Sinn einer Maschine. Dahinter steht der Sinn, einen Produktionsprozess zu verbessern oder zu rationalisieren. Der Sinn dieser Massnahme wiederum ist dann zum Beispiel eine höhere Verkaufsrendite des Produktes oder eine höhere Konkurrenzfähigkeit auf dem Markt. Auch der Sinn der Flügel des Adlers ist nur vordergründig, dass sich dieses Tier in der Luft bewegen kann. Dahinter steht als Sinn jener Zweck, welcher diesem Raubvogel im ganzen Schöpfungsplan zugeteilt ist.

Damit ergibt sich die Frage, ob die Liebe wirklich der Sinn unseres Lebens sei. Oder ist diese Liebe - unsere Liebe zu Gott wie Gottes Liebe zu uns - nicht auch nur ein Mittel, um einen anderen, tieferen Sinn unseres Lebens zu ermöglichen? Die Schrift stellt uns Gott nicht einzig als Liebe dar. Gott offenbart sich uns zuerst einmal als Person, ja, als ein Gott in drei Personen. In dieser Beziehung ist - so scheint mir - die Liebe das umfassende und verbindende Element. Der letzte Sinn Gottes aber - und damit seiner Liebe - ist er selbst. Er ist jener, der sich selbst Sinn ist, sonst niemand und nichts.

Zudem zeigt sich uns Gott in der Schrift auch noch von zumindest einer anderen Seite, nämlich als Gerechtigkeit. Nehmen wir nur Hebr 10,30: «Wir kennen doch den, der gesagt hat: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, und ferner: Der Herr wird sein Volk richten.» Auch die Gerechtigkeit ist eines jener zutiefst in uns Menschen verankerten Bedürfnisse. Auch zu ihr sind wir berufen. Und auch hier wiederum nicht als letzter Zweck, als Sinn unseres Lebens, sondern als Mittel, unser letztes Ziel zu erreichen, Gott selbst, die ewig ungestörte, unzerstörbare Beziehung zu ihm.

Ein weiteres Mittel, das Gott uns schenkt um unser Ziel zu erreichen, ist dann seine Barmherzigkeit. Dass auch wir deshalb zur Barmherzigkeit berufen sind, ist klar, aber auch, dass auch dies nicht als der eigentliche Sinn unseres Lebens, sondern als Weg dazu anzusehen ist. Hier näher auf diese «Dreieinigkeit» von Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einzugehen, würde zu weit führen. Bei allen dreien kann man von Sinn des Lebens sprechen. Doch keine kann allein und in sich selbst als letzter Sinn des Lebens bezeichnet werden. Dies steht allein Gott zu. Deshalb schreibt der KKK in Art. 1: «Gott ist in sich unendlich vollkommen und glücklich. In einem aus reiner Güte gefassten Ratschluss hat er den Menschen aus freiem Willen erschaffen, damit dieser an seinem glückseligen Leben teilhabe.» Der YOUCAT fasst die ganze Problematik um den Sinn unseres Lebens und den Weg zu dessen Erreichung zusammen, ebenfalls in Art. 1: «Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen und zu lieben, nach seinem Willen das Gute zu tun und eines Tages in den Himmel zu kommen.»

Unser Glaube ist ein katholischer, allumfassender. Wir sollen uns also bemühen, Einseitigkeiten, Überbetonungen wie Verharmlosungen, zu vermeiden, in unserer Verkündigung wie in unserer persönlichen Gottesbeziehung. Sonst laufen wir schnell einmal Gefahr uns selbst, den Menschen, ins Zentrum zu stellen und Gott mehr oder weniger zu Seite zu schieben.


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