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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Die Vielfalt der Sichtweisen

 die Lehre der Kirche
24. Juni 2019
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Als Reaktion auf meine Beanstandung eines Artikels in einem kantonalen Kirchenblatt der Schweiz schrieb mir der verantwortliche Chefredaktor:

Das Kirchenblatt hat den Auftrag, diese Vielfalt von Sichtweisen zu religionsbezogenen Themen zur Darstellung zu bringen. Als journalistische Publikation vertritt das Kirchenblatt weder das Lehramt, noch hat sie einen Auftrag zu einer lehramtlichen Verkündigung. Das unterscheidet und verlangt so auch der Bischof, der sich in seinem Namen mit eigenen Verlautbarungen äussert. Aber auch das Lehramt pflegt heute einen anderen, dialogischeren Stil.

Dieses Kirchenblatt wird gratis an alle Haushalte und Einzelpersonen versandt, welche als römisch-katholisch bei den Pfarreien eingetragen sind. Aus dem Impressum geht nicht hervor, ob es sich um ein eigenständiges Publikationsorgan handelt oder wem genau der redaktionelle Teil unterstellt ist. Finanziert wird es durch die «römisch-katholische Synode des Kantons», welche unter anderem den Auftrag hat, die vom Staat und den Kirchgemeinden zur Verfügung gestellten Mittel optimal einzusetzen und den Finanzausgleich anzustreben.

Die Frage darf sicher gestellt werden, ob ein mit Steuermitteln finanziertes Blatt sich einfach aus jener Verantwortung stehlen darf, welches zum Beispiel die Pfarrblätter meiner Jugendzeit noch wahrgenommen haben, nämlich – neben der Publikation der Pfarreimitteilungen – auch als verlängerter Arm der Verkündigung auf der Kanzel zu dienen, insbesondere für jene Katholiken die Gottesdienste nicht besuchen konnten und nicht zuletzt für jene, welche diese nicht besuchen wollten. Das Pfarrblatt war also auch ein Mittel der Evangelisation.

Nun könnte man einwenden, dass auch dieses Kirchenblatt durchaus der Evangelisation diene. Nur werde heute eben mehr Wert auf die Verschiedenheit der Meinungen und den sich daraus ergebenden Dialogprozess gesetzt als auf «dogmatische» Verkündigung. Die Menschen müssten lernen, Gott zu erfahren in ihrer je spezifischen Lebensrealität. Dazu sei die Kenntnis der Vielfalt von Sichtweisen zu religionsbezogenen Themen wichtig. Die lehramtliche Meinung sei dabei nur eine von vielen. Der Rest sei einfach eine Interpretationsfrage.

Damit aber wäre die Kirche vollends im Bereich des Relativismus angelangt, dort, wo «jeder glaubt, was er will, keiner glaubt, was er soll, aber alle glauben mit». Einerseits, wollen wir das? Dann wären wir nämlich auch dort, wo es heisst: «Jeder macht, was er will, keiner macht, was er soll, aber alle machen mit». Wie so eine Gemeinschaft entstehen und sich in den Wechselfällen des Lebens bewähren kann, das muss mir zuerst einmal jemand erklären.

Zum anderen steht da auch noch das Wort unseres Herrn im Raum: «Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.» (Joh 14,6) Es gibt keine Stelle der Schrift, in welcher Christus einem Relativismus dieser Art das Wort geredet hätte. Wenn jemand in seinem Leben sicher stehen will, so baucht er doch ein sicheres Fundament, eine Wanderdüne ist da nicht geeignet. Wenn jemand glauben will, so braucht er doch eine sichere Lehre, einen Fixpunkt, an welchem er seine eigenen Ansichten messen, Fehlüberlegungen erkennen und notfalls korrigieren kann.

Kirche ist Gemeinschaft, Gemeinschaft im Glauben. Glauben aber ist nicht einfach meinen. Glauben ist auch weit mehr als erfahren. Der Christ glaubt nicht einfach irgendwelchen persönlichen Erfahrungen. Der Christ erfährt und lebt aus dem, was er glaubt und er glaubt, was Gott uns geoffenbart hat. Die Kirche hat den Auftrag diese Offenbarung den Menschen zu vermitteln. Deshalb, so glaube ich, hat kein Katholik und keine sich als katholisch bezeichnende Publikation das Recht, den Eindruck zu erwecken, als sei das, was die Kirche lehrt «à prendre ou à laisser», als sei schlussendlich alles gleichermassen gültig, das heisst gleichgültig. Vielmehr müssen wir wieder viel mehr verkünden: «Es gibt DIE Wahrheit! Und diese Wahrheit ist eine Person, Gott selbst. Alle "Wahrheiten" dieser Welt haben sich ihr zu messen.»


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