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Gedankensplitter - Einzeltext
Stefan Fleischer

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Waldandacht

Gedanken zu einem Lied
 
30. Novbember 2019
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In einer gemischten Stammtischrunde kam die Rede auf das Volkslied «Waldandacht». Die Meinungen waren geteilt. Besonders interessant war die heftige Ablehnung einer Dame im Pensionsalter. Für sie war dieses Lied einmal in einem Wunschkonzert gespielt worden. Sie hätte schon nach der Ansage den Apparat abgestellt. «Waldandacht», allein schon dieses Wort schien bei ihr so etwas wie eine allergische Reaktion auszulösen. Dabei ging es ihr natürlich nicht um den Wald, sondern um die Andacht.

Andacht ist ein religiöser Begriff und kommt von denken an. Andacht ist aber etwas anderes als der ähnliche, ebenfalls religiöse Begriff Gedenken. Wir gedenken unserer Verstorbenen, von denen wir glauben, dass sie hinüber gegangen sind in das ewige Leben bei Gott. In unserer Andacht aber denken wir an Gott, von dem wir glauben, dass er auch uns zu sich ruft in sein ewiges Heil. Selbst wenn wir uns in unseren Andachten an Maria, die Mutter Gottes wenden oder an die Heiligen, Gott steht im Zentrum. Die Pflege unserer Beziehung zu ihm, dem dreifaltig einen, ewigen Gott, ist letzter Sinn und Zweck jeder Andacht.

So gesehen wird die Reaktion dieser Frau begreiflich. Der Mensch von heute schreckt vor dem Denken an Gott zurück. Wenn es nicht anders geht, dann wird er noch erwähnt. Wenn es nützlich zu sein scheint, wird der Begriff aus der Schublade hervorgeholt. Aber daran zu denken, dass dieser Gott unser Schöpfer und Herr ist, oder schlussendlich sogar unser Richter, das ist ein No go. Das geht gegen unseren Freiheitsdrang. Das stört unsere Selbstverwirklichung.

Eine solches Haltung ist sogar schon weit in unsere Kirche hinein gedrungen. «Gute Andacht!» wünschen sich die Kirchgänger früher vor dem Gottesdienst. Heute müssen die Andachten, z.B. die Maiandachten (von den Kreuzwegandachten ganz zu schweigen) als Gottesdienstformen immer mehr irgendwelchen Feiern weichen. Wir feiern in unserer Kirche heute alles Mögliche. Wenn es wenigstens das Feiern der ganzen Grösse und Herrlichkeit Gottes wäre. Aber das wäre dann eben schon Andacht, Denken an Gott, Beziehungspflege zu ihm, Gottesdienst im tiefsten Sinn des Wortes.

«Dann gehet leise / nach seiner Weise / der liebe Herrgott durch den Wald.» heisst es im Lied. Der andächtige Mensch spürt diese Gegenwart Gottes bei uns immer und überall und denkt, je länger je mehr, immer und überall an ihn, besonders natürlich wenn er eine Kirche betritt um darin zu beten oder gar das Heilige Messopfer mitzufeiern.

Gute Andacht Euch allen, immer und überall.


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